Der Menschliche Makel

Du,Rohva…?“ Der Vogel sah mich mich erwartungsvoll an.  Seine großen Kulleraugen ließen mich schmunzeln.  „Ja? Vogel?“  Schweigen. „…Kann ich dich mal was fragen?“ Ich nickte vorsichtig. Mein Blick fiel auf die Kekse, die Kekse, die wir morgen mit auf die Arbeit nehmen wollten. „ Was gibt es denn, Vo-gel?“ Indem ich es sagte zog ich den Keksteller ein Stück näher an mich heran. „ Bist du glücklich?“ Erstaunt blickte ich vom Teller auf „Was meinst du?“ Der Vogel starrte betreten in die Kekse. Dann atmete er plötzlich energisch ein. „ Ich möchte wissen ob du glücklich bist. Du redest so wenig, im Moment. Mit mir. Ich dachte…ich dachte…Ist es wegen mir? Bin ich Schuld? Bist du sauer? Auf mich? Ist es wegen der Arbeit?…  “ Er schloss mit einem langen Seufzer. Doch nun sah er mich direkt an, als suche er in meinem Gesicht nach einer Antwort. „Oh.“ Mehr wusste ich erstmal nicht zu sagen. Solch ernsthafte Worte aus dem kleinen Vogelmund. Das war mir neu. Endlos lang, zumindest kam es mir so vor, sahen wir uns einfach nur an. Das Ticken der Uhr wurde lauter. Es klang wie eine dieser melancholische Melodien in einem Western. Dü dü düü. Ich bekam Gänsehaut. Meine Gedanken. Plötzlich stand ich mitten im Kleiderschrank. Bunt. Überladen. Ungeordnet. Das chaotische Sammelsurium griff nach mir, ein zu viel an Dingen. Bunt schattierte Stoffbahnen flossen mir verführerisch in den Kopf hinein. Wollene Fäden sponnen sich seidig um meine Gedanken. Der Vogel ließ mich derweil nicht aus den Augen. Es war als verfolgte er jeden einzelnen Faden ganz genau. Ich registrierte es…Doch die Fäden zogen sich fest. Erbleichende Kreischende Schatten, die jedes Denken beinahe unmöglich machten. Der Moment ging. Ich erwachte.

Der Vogel sah mich noch immer fragend an. Ich würde mich erklären müssen. Nein, nicht müssen…

Ich hatte unseren Streit vor Augen. Bilder stiegen in mir hoch und mit ihnen kehrte auch die Wut zurück. Ich sah meine Hand, wie sie in dem kleinen Vogelgesicht gelandet war. Einfach so. Sofort war da wieder dieses mulmige Gefühl. Keine Wut mehr. Nur noch Scham über mich selbst. Ja das war ich. Das hatte ich getan. Und das wegen nichts eigentlich. In der Wut, da hatte ich es getan. Die Wut trug die Schuld. Doch die Wut war ja in mir. Also war ich Schuld. Da war auf einmal eine Wut in mir gewesen, die nichts mit dem Vogel zu tun hatte sondern nur mit mir selbst. Ich schluckte, so wie ich an jenem Tag, in jenem Moment hatte schlucken müssen. Die Wut, sie war ein Signal gewesen. Über die Monate war es stärker geworden. Ich hatte es deuten können. Dazu war ich zu beschäftigt. Man lernt zu funktionieren und zu machen aber man lernt nicht Signale zu deuten. Die anhaltende Müdigkeit, das zunehmende gereizt sein, die ungewohnte  Traurigkeit, die nirgendwo herzukommen schien aber auch nicht wieder gehen wollte… Vielleicht ignorierte ich das alles auch, bis…

Danach wollte ich nichts mehr ignorieren. Ich war es, die den Vogel geschlagen hatte, doch war es gleichzeitig auch ein Schlag gegen mich selbst gewesen. Es schmerze also doppelt und doch… Es hatte mich aufgeweckt. Der Vogel zog sich danach erst einmal zurück. Er war traurig. Ich war allein. Ich wollte ihn nicht verlieren. Das war alles was ich wissen musste. Seit dem hatten sich einige Dinge geändert. Langsam kamen wir uns wieder näher. Doch erst  jetzt merkte ich, dass wir anscheiend beide noch immer an dem Vorfall zu kauen hatten. Und ich kaute gründlich… Ich…Ich… kaute!

Was? Ich sah auf meine Hand. Da war ein Keks in meiner Hand.  Aber? Verwirrt blickte ich von meiner Hand zum Teller. Der Keksteller war halb leer gefuttert. Ach sch*** dachte ich, indem ich den angenagten Keks zurück auf den Teller beförderte. Na, toll. Ich überlegte kurz, zuckte so la la mit den Schultern und schob dem Vogel  vorsichtig den Teller hinüber. Solch eine Situation erforderte irgendwie Kekse. Doch. Keine Reaktion. Der Vogel rührte den Teller nicht an. Er starrte mich bloß weiter an. Jetzt war es an mir ausgiebig zu seufzen. Kurz entschlossen stand ich auf, wanderte um den Tisch herum. Der Vogel zuckte leicht. Da wollte ich weinen. Vorsichtig lächelnd streckte ich ihm meine Hand entgegen. Er hüpfte drauf. Ich hob ihn vorsichtig an meine Wange und so standen wir da. Wange an Wange, Minutenlang. Keiner sprach. Nun kullerten wirklich ein paar Tränchen. Er pickte sie liebevoll von meiner Wange. „ Du dummer Vogel.“ schniefte ich lächelnd. „ Ich hab dich so lieb. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe. Wie könnte ich sauer auf dich sein? Ich hab dir so weh getan. Ich bin so dankbar, dass du noch da bist. Natürlich bin ich glücklich. Ich hab doch dich. Ich habe einen kleinen, weisen Vogel, der mich geduldig, wieder und wieder daran erinnert, worauf es ankommt. Es ist nicht, dass was wir haben, das zählt. Es ist nicht das, was Andere über uns denken, was zählt.  Dinge zu tun, die man eigentlich gar nicht will, nur weil man denkt, dass man sie tun muss, nur um dann wer zu sein der man doch eigentlich gar nicht ist und auch eigentlich gar nicht sein will das hat nichts mit Liebe zu tun. In einem Rad lebt es sich einsam, egal wie sehr du es vollstopfst, denn du darfst nie aufhören zu laufen. Dann bricht alles zusammen und fällt dir auf den Kopf. Dabei geben dir all diese Dinge nichts. Dinge nehmen dich nicht in den Arm. Sie trösten dich nicht. Du kannst dich nicht mit ihnen unterhalten. Du kannst weder für sie kochen, noch kannst du mit ihnen lachen. Dinge sind einfach kalt. Du aber…“ Ich schloss die Augen und drückte ihn noch ein wenig fester an meine Wange. „… Du bist warm. Sehr warm sogar. Ich kann dich drücken und knuddeln. Ich kann dir ein zu Hause geben und dich lieb haben. Das macht mich glücklich. Lassen wir das Rad also Rad sein. Statt dessen wollen wir  nun anfangen uns eine einfache Holzhütte zu bauen. Sie wird nicht perfekt sein. Wahrscheinlich ist sie auch nicht ganz dicht. Aber das sind wir ja  auch nicht.

Wir mussten beide lachen.

Alles war gut.

RB.

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