Der Geist der Geschenke

 

Winter 1988. Draußen bricht sich leise der Schnee durch den Himmel. Er fällt seit Stunden unaufhörlich, in dicken, herabschwebenden Flocken. Die Spuren des Tages, längst hat er sie mühelos beiseite gewischt. Zappelige Kinderfüßen, schwere Tritte, emsiges Treiben…Der Tag hat sich die Decke über den Kopf gezogen. Nun liegt er versteckt unter der rieselnden Hoheit des Himmels. Ja, der Abend  flüstert dem Tag  Gut‘ Nacht. Seine weißen Hände hat er zart um ihn gewebt. Bald wiegt er ihn sanft in seinen Armen und so gleitet der Tag allmählich bereitwillig hinab, in die Ferne. In den Traum. Auch was bleibt ist Traum. Der Schnee ist weiß, doch die Welt taucht er in einen unwirklich scheinenden, silbrig blauen Glanz, der, obwohl er sich durch den Nebel brechen muss unendlich viel klarer noch scheint, als die Kälte. Es ist der kühle Tanz des Abends. Der Schnee. Er fällt. Leichtfüßig und mühelos. Ruhig. Was bleibt ist Zauber. Schön und still.  Der Schnee fällt. Schlicht. Und so schweigt man hier draußen, während hinter den leuchtenden Fenstern der Siedlung, das Leben neu erwacht.

Der Duft von Kälte mischt sich derweil mit einem stechenden Allerlei an Gerüchen und Lauten, die hier hinaus, in die Freiheit drängen. Heizungswärme, Bratenreste, gemischt mit dem Duft von Fichte, Pudding und Nikotin, das Klirren von Geschirr, spitze Freudenschreie, das reißen von Papier, herzhaftes Aufstoßen, Gelächter, verklingende Lieder. All das bahnt sich seinen Weg durch jede noch so kleine Fester Ritze. Gebannt beobachtet man hier draußen das Treiben, das sich hinter den hell erleuchteten Vorhängen abzeichnet.

Das kleine Mädchen jedoch sitzt ganz still vor dem riesenhaften Baum, der dieses Jahr zur Überraschung aller noch steht. Ein ganzes Heerschar kichernder, kleiner Bengel rennt umher, zeigt stolz seine neuen Besitztümer, verschwindet damit, umher rollend, unter Tischen und Stühlen. Überall auf dem Boden türmen sich Reste an Papier, während auf den Tellern Reste von Gänsekeulen und angenagten Klößen, in herabfallenden Nikotinschwaden verenden. Das kleine Mädchen starrt derweil regungslos auf das Ding, das da unberührt unter dem leuchtenden Baumriesen parkt. Jetzt kommt die Mama und kniet sich nieder – Was hast du denn? Fragt sie während sie dem kleinen Mädchen liebevoll über den Rücken streichelt. Ist das nicht ein schöner Puppenwagen? Das Mädchen nickt stumm und zieht ein Schüppchen. Du wolltest doch einen Puppenwagen haben. Wieder ein leichtes Nicken. Das Schüppchen beginnt zu zittern. Die Versammelten sind verstummt. Sogar die Kinder sehen neugierig auf. Die Oma sitzt auf der Couch und zieht nun ebenfalls ein Schüppchen. „Das teuerste Geschenk von allen.“ murmelt sie dem Opa zu, der darauf bloß unbeteiligt die Schultern zuckt und einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche Ritter nimmt. „Warum gehst du denn dann nicht hin, zu dem Puppenwagen und guckst ihn dir mal genauer an?“ flüstert die Mama und drückt dem Kind einen Schmatz auf die Wange. Da beginnen plötzlich herzhafte Tränen zu kullern und das Schüppchen schluchzt: „Das Christkind hat das Geschenk vergessen. Der ist ja gar nicht eingepackt. Die anderen haben alle Geschenke bekommen. Ich will a-a-uuch!“ Da brechen die Versammelten in „Ohh…“ Rufe und heiteres Gelächter aus. Nur die Oma, die wirft fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen und spricht zum Herrn: „ Nicht eingepackt iss er. Das gibt es ja nicht.“ Der Opa lacht auch nicht. Der hat sich wieder den Gänseresten zugewandt und schöppt sich gerade ne ordentliche Portion Rotkohl auf den Teller. Die Kinder toben weiter. Die Mama schmunzelt ein wenig. Trotzdem hebt sie das Kind vom Boden auf und wiegt es beruhigend an ihrer Brust. „Weißt du, das Christkind hat gedacht, dass das Geschenk viel zu groß und zu schön ist, um es in so viel Papier zu packen. Es hat gedacht, dass es viel zu anstrengend für dich wäre, so ein großes Geschenk auspacken zu müssen… Sollen wir dem Christkind sagen, dass es ab jetzt alle deine Geschenke einpacken soll, egal wie groß sie sind?“ Da sieht das Mädchen vorsichtig auf. Die kleinen Äuglein sind schon ganz rot vom Weinen. Zwischen zwei haltlosen Schluchzern stößt es schlicht ein „Ja…“ hervor.

So geschehen in einem kleinen Wohnzimmer, in Wanne Eickel, damals, vor langer Zeit. Seit dem überreicht meine Mutter uns mindestens ein Geschenk mit den Worten: „ Und hier, noch etwas kleines, zum Auspacken. Das muss schon sein.“ und dabei zwinkert sie dann amüsiert in meine Richtung. Tatsächlich wären mir die Verpackung und sogar das Geschenk heute schnurz, meinen Brüdern wohl auch. Vielmehr sehe ich es mittlerweile als Geschenk an, wenn die Familie überhaupt an Weihnachten und an  den anderen Feiertagen zusammenfindet, egal wie wir dann verpackt und verknotet sind. Heute, wo wir alle in verschiedenen Städten leben und verschiedenen Tages Schichten arbeiten, ist gemeinsam verbrachte Zeit selten geworden. Ich sehe den liebevollen Gedanken, der hinter Mamas Geschenken steht. Heute begreife ich. Die Verpackung ist eine Geste und die ist das eigentliche Geschenk. Jedes Mal, wenn ich selbst auf der Suche nach einem Geschenk für jemanden bin versuche ich mich daran zu erinnern…

 

Vom Großen und vom Kleinen:

Früher habe ich ihn nicht begriffen, den Geist der Geschenke. Ich weiß noch, wie oftmals  Stundenlang durch  überfüllte Innenstädte und  penetrant riechende Kaufhäuser geirrt bin, abgehetzt, ausgetrocknet und mit Angstschweiß auf der Stirn, weil ich einfach nichts fand, was meinen Ansprüchen auch nur annähernd genügte. Mit grimmiger Entschlossenheit fiel ich weiter in die Läden ein. Auf ins Getümmel. Ein paar Stunden später saß ich dann erschlagen und unzufrieden, mit Gesichtslosen Tüten behangen, vor den Läden und stürzte hilflos eine Flasche Wasser hinunter.

Irgendwann vor einiger Zeit erzählte mir meine Mama bei einer Tasse Kaffee, nach langer Zeit mal wieder, die Geschichte von dem kleinen Mädchen und dem Puppenwagen. Ich weiß nicht zum wievielten Mal sie davon sprach, doch ich lauschte gespannt und ich lachte, als hörte ich sie zum ersten Mal. Diesmal geschah etwas in mir. Abends lag ich im Bett und noch immer geisterte die Geschichte durch meinen Kopf. Plötzlich war da ein langes Band über das unaufhörlich Dinge liefen. Es waren Geschenke. Es waren all die kleinen und Großen Dinge, die ich in den vergangenen Jahren geschenkt bekommen hatte. Eine Weile beobachtete ich, wie sie stumm an mir vorbei zogen. Schließlich ging ich hin, drückte einen Knopf  und begann damit,  die Geschenke sorgfältig vom Band zu sortieren. Rechts hin wanderten die, die mir am wenigsten gefielen, links hin sortierte ich die, die mir irgendwie besonders erschienen. Der Rest blieb auf dem Band. Dann trat ich einen Schritt zurück und besah mir das Ganze mit ein wenig Abstand. Fasziniert stellte ich fest, dass der Wert der rechten Seite um ein vielfaches höher sein musste, als der Wert auf der linken Seite, obwohl der linke Berg um einiges größer war  als der Rechte. Konnte das sein?

Rechts, da schwappte die verstaubte Flaschen.post, lieblos und unvegan, hin und her.

Rechts, da stand ein grelles, gelbes Auto, an dem Herzförmig ein Führerschein klebte, den ich niemals besitzen wollte.

Ja, Rechts, da türmten sich Ketten und Uhren, Jahr für Jahr, immer weiter in die Höhe, dabei trage ich doch nicht einmal Ohrringe.

Rechts, da lehnte auch der Fön, der an sich ganz schön war, wäre er nicht mit dem Kärtchen versehen worden „Ich war teuer!“

Schaudernd sah ich zu meiner  Linken.

Hier lag Kuchen auf dem Boden. Oh, der erste vegane Kuchen, den meine Mama mir gebacken hat. Ich erinnere mich. Lecker. Daneben stand ein kleiner, unscheinbarer Adventskalender. Ja! Den hat Sabine mir vor die Wohnungstür gestellt, nachdem ich erzählt hatte, wie schade es  eigentlich sei, dass das mit den Kalendern irgendwann aufhöre…

Links, da lag aufgeschlagen das Fotoalbum, ein liebevoll gestaltetes Sammelsurium einer Jahrzehnte langen Freundschaft.

Und links, da stand die Tüte, das schönste Geburtstagsgeschenk. Ich erinnerte mich sofort. Morgens ging ich zum Marktplatz, der noch halb verlassen in der Dunkelheit lag. Dort sah ich sie. Eine Herrenlose Tüte, die einsam auf dem Platz thronte, auf dem bald unser Marktstand stehen würde. Eine Geschenktüte. Ich hatte Geburtstag… Doch von den Kollegen war noch nichts zu sehen. Da war nur diese Tüte. Für mich? Wer? „Habt ihr das dahin gestellt?“ fragte ich unsicher die Leute vom Nachbarstand. Die hatten mir ja eben gratuliert. Kopfschütteln. Langsam näherte ich mich und schielte neugierig hinein. Quitten. Aus der Tüte heraus  lachten mir quietsche gelbe Quitten entgegen. Ach, diese Liebe…  Ich hätte die Karte gar nicht lesen müssen um zu wissen von wem. Und nun war sie extra, früh morgens zum Markt gefahren… Ich werde diese Quitten nie wieder vergessen können.

Und schließlich ist es die Linke Seite auf der ein einst so verbitterter, alter Mann steht, der mir Anfangs nie ein nettes Wort schenkte, der  mir nun manchmal Gedichte zitiert und mich ab und an lächelnd auf eine Tasse Kaffee einlädt…

Das Band verschwindet. Es ist spät geworden. Und noch bevor meine Gedanken hinab gleiten in die Ferne, in den Traum, da denke ich, dass  der tatsächliche Wert eines Geschenkes niemals an seinem Preis gemessen werden kann.

 

 

 

 

11 Kommentare zu „Der Geist der Geschenke“

  1. Du schreibst so schön über den Zauber eines kindlichen Weihnachten. Obwohl das kleine Mädchen bittere Tränen weinte, berichtest du von einer Atmosphäre die mir sehr bekannt vorkommt. Inklusive der Nilotinschwaden der Achtziger Jahre.
    Geschenke werden heute so oft, stellvertretend für den Konsumwahnsinn, verteufelt. Dabei können sie so viele schöne Gefühle auslösen, wenn sie sorgsam und nicht nach dem Preis ausgesucht werden.
    Ich bin jetzt in Weihnachtsstimmung. Danke dafür.

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  2. Die Geschichte von dem kleinen Mädchen und dem Puppenwagen ist so rührend, mir kullerten die Tränen. Der Zauber der Geschichte kommt aus der Weise, wie du die Stimmung dieses Heiligabends geschildert hast. Ja, und wie schön hast du dargelegt, dass der Wert der Geschenke nicht am Materiellen zu messen ist. Im Gegenteil: Der Hinweis, „der war teuer“ nimmt ihm dem Geschenk den Wert, weshalb man ja auch nicht den Preis am Geschenk lässt, eine Sitte, die gewiss aus einer ähnlichen Einsicht entstanden ist.

    Gefällt 2 Personen

  3. Was für eine wunderschöne Geschichte und was für Erinnerungen. Eines meiner schönsten Geschenke ist ein Adventkalender, den mir meine Tochter in der Volksschulzeit gemacht hat: jeden Tag eine kleine, selbst geschriebene und erfundene Geschichte. Alles würde ich hergeben, aber niemals diese kleine Sammlung.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Das ist ja eine ganz wundervolle Erinnerung und ein tolles Beispiel. Ja, die besten Geschenke sind die, in die wir Zeit und Gedanken und unsere eigene Energie investiert haben.
      Ach, da hat sich deine Tochter ja wirklich mühe gegeben 🙂
      Danke für deinen Kommentar.
      Lieben Gruß zurück

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  4. Du hast den Zauber des Weihnachtsabends gefühlvoll aufleben lassen. Längst vergangene Erinnerungen hat mir das zurück geholt und wir versuchen allen Kindern in unserer Familie diese Magie zu geben. Nur die Erwachsenen schenken sich nichts gekauftes. Wir schenken uns die Zeit, die uns über das Jahr fehlt und die Familie setzt sich an unseren Tisch, blickt voller Vorfreude auf dampfende Schüsseln, Kerzen, schönes Besteck. Keiner darf arbeiten, außer mir und ich bereite ihnen den Abend den sie sich verdient haben. Wir reden, lachen, erzählen Geschichten, freuen uns mit den Kleinen, wiegen sie auf dem Schoß und gehen dann glücklich ins Bett, ohne den Gedanken etwas nicht bekommen zu haben, was wir hätten uns selber kaufen können, bis auf ungeteilte Zeit, die niemand für Geld erwerben kann, und ich bin dankbar.

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    1. Lieber Arno.
      Dein Kommentar wäre eine eigenen Beitrag wert, so schön hast du euren Weihnachtsabend beschrieben. Ich sehe die Parallelen zu damals. Ich kann es gar nicht oft genug lesen.

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  5. Dich schenkende Jennifer

    Nachdem Hier schon Weihrauch und Myrrhe dargebracht
    Sei auch die dritte Gabe wohlbedacht
    Schenkst Du nicht Geist dann nur Papier
    Geb Ich nur Schleifen fehlts an Seele Mir

    Gestern war Ich blank
    Hundert letzte fürn Steer Buche
    Fürn Schauspielfreund n Zimmer geweißelt
    Danach Umarmung Herz auf Herz
    Er weint
    befragt Trauer und Freudentränen
    Er da ich hab noch was für Dich
    Hm kleine Plastikhülle ne Münze
    Krügerrand in Gold
    Nächster Goldankaufmensch 940 Taler
    Ich der Goldjoachim
    Mein Freund spinnt
    Wie Gandhi und Du
    Und Ich und der Hippie aus
    Bethlehem Sich Uns schenkt

    danke Dir
    Joachim von Herzen im Wunderland

    Gefällt 2 Personen

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