Kälte.

Ein Klang Text

 

Ist ihnen nicht kalt? Mensch, das ist aber auch frisch geworden! Mit ihnen würd ich jetzt nicht tauschen wollen. Ich könnte das nicht! Den ganzen Tag hier in der Kälte stehen… Oh, sie Ärmste. Sie sehen ganz verfroren aus. Nun ist Winter! Wie halten Sie das nur aus? Was macht der Zahn…?

Sätze, die von kalten Jahreszeiten und warmen Gefühlen künden. Ja, es ist tatsächlich kalt geworden in den vergangenen Tagen. Der erste Schnee fiel gestern. Meine kleine Dachgeschoss Wohnung hat sich in ein gemütliches schneebedecktes Iglu verwandelt. Die Wohnung wandert mit den Jahreszeiten. Im Sommer ist das Licht. Das Licht ist die Brücke. Nun ist der Schnee. Der Schnee ist die Hülle. Der Schnee liegt nun Zentimeter dick auf den großen, schrägen Dachfenstern. Ich liege auf der Couch und  starre auf  Schnee. Sätze wandern hin und her. Die Bettdecke schmiegt sich eng an mich, kriecht an mir hinauf, zieht sich bis zum Hals. Kälte. Ich sehe das schützende Glas, das zwischen mir und dem Schnee liegt. Ich höre das leise Surren des Kühlschranks. Ich muss den Blick abwenden. Scham.

Die Heizung bleibt aus. Vorerst. Ist sie erst einmal angeschaltet wird etwas geschehen. Die Hülle wird pochen. Sie wird sich erheben und ausdehnen und dann wird sie sich um mich schließen. Sie wird in mich hineinkriechen, mich in ihrem Pochen, zusammen- und wieder auseinanderziehen. Wie das Sommerlicht kriecht die Wärme in jeden Winkel meines Körpers, doch seine Künstlichkeit benebelt mir die Sinne. Ich werde nicht mehr richtig atmen können und ich werde träge, ich werde so unendlich träge sein. Sie macht mich mürbe. Die künstliche Heizungswärme. Ich hasse sie. Doch ich weiß, egal wie sehr ich mir vornehme, tapfer zu sein, durchzuhalten… Irgendwann werden dicke Socken und wärmende Suppe allein, keine Abhilfe mehr verschaffen. Ein Nebel wird den anderen überlagern. Dann werde ich sie einschalten, widerwillig und doch  dankbar dafür, dass ich auf Knopfdruck Wärme erzeugen kann, dass ein Stück Glas zwischen mir und dem Schnee liegt. Dankbarkeit. Demut. Was noch?

Morgen werde ich wieder hinausgehen. Ich werde auf dem Marktplatz stehen, scherzen, lachen. Mehrfach werde ich mir die fröstelnden Hände reiben, in honigsüße Datteln beißen und mindestens einmal werde ich lauthals über die Kälte fluchen, anschließend über mich selbst. Kichernd werde ich der Kundschaft versichern, dass drei Lagen Klamotten und Sonne im Herzen, jeden Marktmenschen vor Wind und Wetter schützen. Die Gespräche werden kürzer sein als sonst. Kaum Einer will sich allzu lange aufhalten und auch wir Rotnasen werden uns hinterher ein wenig schneller voneinander verabschieden, weil uns Kälte und Wind bis in die Haarspitzen gekrochen sind. Mit gesenktem Kopf und schweren Taschen werde ich zügiger als sonst nach Hause eilen .Ja. wir sind Wetterfest.

Ich werde vor meiner Haustür niederknien. Ein Durcheinander an Kleidung, Äpfeln und Kohlköpfen wird sich vor mir auftürmen, während ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel grabe. Kurz darauf wird sich Tröpfchenweise der zarte Duft von Kaffee in meiner Wohnung ausbreiten. Bevor ich ihn trinke werde ich Minutenlang damit beschäftigt sein den Inhalt meines überquillenden Kühlschranks hin und her zu rücken. Demut. Glas. Derweil entspinnt sich in meinen Kopf wahrscheinlich mal wieder ein schlechter Witz über Gemüsestraßen, die nach Lagerungs-Dringlichkeit, geordnet, vom Kühlschrank bis zum Wohnzimmer verlaufen. Kälte. Ich werde mir Kaffee einschenken, mir eine Zigarette drehen, mich kurz auf den Balkon setzen. Ich werde essen, Verabredungen treffen, Bücher und Gemütslagen austauschen, in dicke Socken schlüpfen. Ich werde unter die Dusche steigen, über Worte, bedeutsame Quitten und Anrichtungsmöglichkeiten nachdenken… Ich werde den Wasserhahn immer weiter aufdrehen, bis das Badezimmer schließlich einem dampfenden Kessel gleicht. Kälte? Was noch?

Ich liege in meinem schützenden Iglu und blicke auf Schnee. Ich strecke meine Hand aus, doch sie fasst bloß auf Glas. Ich höre das leise Surren des Kühlschranks. Ich muss den Blick abwenden. Ich schäme mich, denn ich liege hier unter Glas. Kälte. Wie halten sie das nur aus…

 

 

 

 

 

 

11 Kommentare zu “Kälte.”

  1. Ach Mein Vögelein
    Jennifer
    Hat sie keinen Winterflaum
    Aus der Traum Du bist ein wärmezarter Mensch
    Wie halte Ich das aus
    Hm Der Schwedenofen tut Sein bestes
    Verwandelt gefangenes Sonnenlicht
    In Buchenscheiten wieder zu Wärme und Wohlgefühl
    Doch ach treibt Mich Eis und Schnee
    Nach innen
    Da tief drinnen
    Schon Schon
    Wie auch die Kälte seelenstarr
    Die Welt umfängt
    In Ländern warm und sonnenreich
    Bin Ich zerspannt
    Da Weltenweihnacht
    Ihn Den Sonnengeist
    Alljählich so erscheinen lässt
    Das Menschen schier geblendet
    Schreien Finsternis
    Und innerlich jedweder Kerze
    Noch entbehren
    Hör auf
    Dich schämen
    Was kann eine Heizung
    Mehr ehren als Dir zu wärmen
    Stuhl und Bett
    Sei nur nicht Stolz
    Demut erwärmt ein Herz
    Und Warmblüterin darfst
    Du Dich wärmen lassen
    In Würde wie Es sich geziemt
    Mit Wort und Sinn
    Dir zugewandt

    Euer
    Joachim von Herzen
    Sauna und Dampfbadregelfreund

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    1. Joachim mein Herz
      Das meine leuchtet hier auf
      Sehe ich, du hast ihn verstanden
      Den Text, der mich eine Träne kostete.
      Werde ich mir heute Abend in Demut das Herz erwärmen lassen und dabei an deine Worte denken.
      Danke.
      Jennifer
      wärmezart

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  2. Eben war ich einkaufen und musste die ganze Zeit an dich denken, dass du tagsüber frierst, aber zu Hause dir kein kuscheliges Nest machen kannst, weil du die künstliche Wärme nicht verträgst, sondern gedanklich und tatsächlich Zuflucht am Kühlschrank suchst. Welch eine Tragik. Und wie rührend. In Hannover ist es heute eher mild. Am Sonntag gab es einen Schneeschauer, aber der Schnee blieb nicht liegen. Trotzdem fühle ich mit. Mehr als warme Worte habe ich leider nicht, nicht mal einen Text zur Hand, in dem es wirklich warm ist. Und herzlich drücken kann ich dich auch nur digital. Solltest du nicht mit den Zugvögeln in den Süden geflattert sein, liebe Jennifer?

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    1. Lieber Jules,
      Ich wärme mich noch immer an deinen gestrigen Worten, die länger anhalten als der Schnee, der auch hier bereits wieder geschmolzen ist.
      Ich flattere nirgendwo hin. Kuschelig ist mein Nest…seit ich regelmäßig die Temperatur des Kühlschranks reguliere. Ab und an zieht die Kälte trotzdem durch. So ist es wohl. Aber dann denke ich daran, wie dankbar ich sein kann überhaupt in einem Nest zu sitzen. Noch dazu in einem, in das so warme Worte geflattert kommen…

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      1. Sonntag war ich bei meiner Obernachbarin zum Geburtagsklatsch. Die vielen mir unbekannten Leute fragten, ob ich der Nachbar wäre, der ihr bei der Pflege des Blumenbeets hilft, das sie rund um unseren Spitzahorn angelegt hat. Ich sagte: „Ich habe mir extra eine Gießkanne gekauft.“ Da brach man in Gelächter aus. Ich verstand nicht warum wie auch nicht, was lustig ist an meinem Einkauf. Oder stehe ich mir seit Sonntag gewaltig auf der Leitung, liebe Jenny?

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      2. Ach, du. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht verwirrt zurück lassen. Es ist nur, der Text ist aus mehreren Gefühlen und Gedanken heraus entstanden. Vielleicht ist er deshalb so schwer greifbar. Als ich ihn hinter las dachte ich: „Oje. Das wird keiner verstehen.“ Eigentlich folge ich beim schreiben eher der Devise: Was nützt eine Kunst, die niemand versteht!? Doch hier fand ich das Nicht-greifbare irgendwie passend, weil es ein Spiegel der Gedanken und Gefühle ist, die ich beim Schreiben empfunden habe.
        Also dachte ich: Was soll das Kopfzerbrechen! Muss ja auch nicht immer, Jeder, Alles, bis in Kleinste verstehen…
        Ach, herrje. Tut mir leid, wenn ich mich so umständlich ausdrücke. Ich finde es schwierig mich zu erklären. Der Text hat jedenfalls auch was mit meinem Kosumverhalten zu tun…
        Ich drück dich herzlich zurück und wünsche dir einen zauberhaft Morgen.
        Lieben Gruß

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      3. Wie in der bildenden Kunst sollen literarische Texte nie ganz auszuschöpfen sein. Es ist gut, wenn Elemente des Nichtfassbaren da sind, die Raum für Interpretationen lassen. Das schließt nicht aus, dass da einer versteht – wie ich gerade. Mein Kopf hat in der Nacht entschlüsselt und jetzt passt vieles. Ich danke dir für deinen zauberhaften Morgenwunsch und wünsche dir einen ebensolchen Tag mit Sonne im Herzen,
        Jules

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  3. Und ich werde neben dir sitzen, in meinen heißen Kaffee pusten, meine veganen Bananenplätzchen mitbringen und den Schnee auf den schrägen Dachfenstern beobachten, um die kleinen Eiskristalle willkommen zu heißen, die deinen Iglu beschützen, wir werden reden und die Kälte vergessen – für eine kurze Weile …

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    1. Tatsächlich glaube ich, dass in der Begegnung die Möglichkeit liegt die Kälte zu vertreiben. Von daher, komm gern vorbei lieber Arno. Plätzchen und wärmende Gespräche sind hier gern gesehene Gäste. 🙂

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