Halten.

Früher.

Ich sitze auf der Couch und mümmle an meinem Frühstücksbrötchen. Der Mann liegt neben mir und streckt seine hundert-vierundneunzig Zentimeter Glieder von sich. „Komm her.“ gähnt er und zeigt auf die dreißig Zentimeter Fläche neben sich. Ich muss lachen, weil er es mit dieser schrecklich näselnden Kinderstimme sagt und dabei wild die Augen rollen lässt. „Ich ess‘ doch gerade.“ stoße ich hüstelnd hervor. „Egal.“ Er winkt ab und klopft auf die freie Stelle neben sich.  „ Komm schon Specki. Bevor, du nicht mehr hinpasst.“ Das ist mein Stichwort. Ich lasse ich das Brötchen auf den Teller fallen und stürze mich mit voller Wucht auf diesen Mistkerl. Ich halte mich nicht zurück. Muss ich auch nicht, denn ich weiß, selbst wenn ich mich mit geballter Wut gegen ihn werfe, ist es eher als würde eine Fliege versuchen einen Berg zu verrücken.  Die Fliege verliert. Arme Fliege. Ich kämpfe tapfer. Wenige Sekunden später bin ich bewegungsunfähig und bettle kreischend um Luft. Ja, ich ergebe mich. Der hundert Kilo Brocken klebt auf mir und leckt mir triumphierend über die Nasenspitze. “Ach, bitte! Das ist doch ekelhaft.“ Sein Griff entspannt sich. Meine Arme brennen. Ich schnelle nach oben, presse meine Lippen ganz fest auf seine. Seine Augen lächeln mich dabei so unbekümmert an, dass jeder Schmerz sofort vergessen ist. Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal so albern miteinander waren. Ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Er rollt sich von mir runter. Ich rolle mit, weil ich sonst von der Couch plumpse. Ich rolle weiter bis ich oben, auf dem Berg, angekommen bin. Bis wir auf Augenhöhe sind Nun klebe ich an ihm und begucke ihn neugierig. Hallo, Schöner…  Das hält er nicht lange aus. „Was ist?“ zetert er. Ungeduld. Natürlich. Die Unbekümmertheit droht schon wieder zu verschwinden. Nein.

Kurzentschlossen stehe ich auf, schalte den lärmenden Fernseher aus, stelle stattdessen leise das Radio an. Geplapper. Dann ziehe ich mein Shirt aus. „Was machst du!?“ fragt er halb entsetzt. „Du willst Sex!“  Ich schmunzle. „Nein.“ sage ich und streife auch noch den Slip ab. „Will ich nicht. Zieh dich aus.“ Er beguckt mich bloß argwöhnisch. Der Berg ruht. Er rührt sich nicht, also berühre ich ihn. Ich helfe ihm aus seinen Sachen und immerhin, er wehrt sich nicht. Natürlich nicht. Stattdessen lehnt er sich halb amüsiert zurück, verschränkt genüsslich die Arme hinter dem Kopf. Den Blick lässt er nicht von mir. Mein Herz schlägt. Ich werde tatsächlich rot. Kein Mann sollte so schön sein, dass es einem dir Röte ins Gesicht treibt. Ich reiße mich los. Ich schlüpfe zurück auf die Couch und schlinge mich nackt um seinen Körper. Arme und Beine sind nun fest um ihn gezurrt. Er streicht unruhig mein Haar aus seinem Gesicht, während ich, tief, den kratzig warmen Geruch unter seinem Kinn einatme. Das Herz beruhigt sich. Der Atem geht gleichmäßig. Wir liegen mal wieder auf sechzig Zentimetern. Haut an Haut halten wir zusammen. Ich schließe die Augen. „Und jetzt?“ fragt er laut. Ein Stich. Ich hasse es.  Einen Moment lang hasse ich es, dass er fragt. Ich hasse es, dass er fragt, dass er fragen muss, während ich nichts mehr zu sagen habe. Doch. Ja. Ich spüre sie. Die schweren Schläge in seiner Brust. Kein seichter dreiviertel Takt. Ich weiß. Ein Berg ist keine Fliege. Das wissen wir beide. Es macht keinen Sinn, dass eine Fliege an einem Berg klebt. Noch weniger, dass der Berg an der Fliege klebt. Trotzdem. Wir halten. Das darf man nicht böse nehmen. Nein. Also drücke ich ihn schlicht noch etwas fester an mich. Abrupt schiebt sich daraufhin sein Arm über meine Hüfte. Seine Finger streichen meinen Rücken entlang. Ich küsse seinen kratzigen Hals. Ich weiß, er versteht es nicht und doch. Er klebt ja genauso an mir, wie ich an ihm. Auch sein Herz geht jetzt ruhiger. Wärme umschließt uns. Unser Atem geht gleichmäßig. Der Berg ruht. Die Fliege ruht auf dem Berg. Der Berg ruht auf der Fliege. Sonst geschieht nichts. Was sollte schon geschehen?

Später.

Wir sitzen in einem kleinen Seminarraum. Da ist dieser Mann. Da sind wir. Wir sind zwölf. Wir sitzen gemeinsam, um ein paar zusammen geschobene Tische herum. Der Mann spricht. Er doziert. Er spricht von Kindern. Er spricht von Erwachsenen, von Eltern, von Ängsten, von Zeit. Zum Abschluss holt er eine Puppe hervor. Wir kichern.  Der Mann setzt sich das kleine Ding, auf den Schoß. Da sitzt sie nun, ihm zugewandt, ganz nah an seinem Bauch. Er schließt vorsichtig seine Arme um das kleine Wesen. Sonst geschieht nichts. Kein Wort wird gesprochen. Die beiden sitzen einfach so da und halten sich im Arm. Keiner kichert mehr.

Zuerst spüre ist das Gefühl im Bauch. Es sammelt sich dort. Schlagartig wandert es hoch. Es schlängelt sich durch mein Herz, es kriecht mir in den Hals. Ich spüre, wie es mir hinten, den Rachen hinauf läuft, mir mitten in das Gehirn steigt. Druck baut sich auf. Dann fließen die Tränen. Unendlich schöne Tränen. Einige sehen mich an. Manche haben ebenfalls zu kämpfen. Wir verstehen, was er sagt, obwohl er nichts sagt.

Da ist ein Mann, der eine Puppe hält. Da ist eine Fliege, die an einem Berg klebt. Worte haben hier nichts zu sagen.

 

 

22 Kommentare zu „Halten.“

    1. Ja? Du störst aber nicht. Nie. Bitte bleib, solange du magst.
      Und dann bleib noch etwas länger. Vielleicht, bis ich begriffen habe, wie ihr es schafft mir stets so nah zu kommen. Erstaunlich…

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      1. Die Nähe ist ja wechselseitig – ein Effekt, der das Schreiben im Blog vom Schreiben im Print unterscheidet. Im Blog verwischen die Grenzen zwischen Autor und Erzähler. Man spürt oder vermutet eine Identität, besonders bei autobiographischen Texten. Texte im Blog gehen einem daher grundsätzlich näher als in einem Buch. Das wird verstärkt durch die zeitnahen Kontakte zwischen Leser und Autor/Erzähler und die Vertrautheit, die sich daraus ergibt. Als Leser der oben geschilderten Szenerie fühlt man sich ungwollt in die Rolle des Beobachters einer intimen Szene versetzt. Man erfährt etwas, was eigentlich nur dir gehört. In den Anfängen meines Bloggens musste ich lernen, mich zu mäßigen. Ich ging zu meiner homoöpathischen Ärztin und sagte: „Sie müssen mich bremsen. Ich mache alle Leute verrückt.“ (Da ging es aber um andere Inhalte, beispielsweise den Nachtschwärmer, bei dem eine imaginäre Leserin direkt angesprochen wurde.) Da gab sie mir etwas, was mich dämpfte. Darauf verwendete ich das literarische Du nur noch selten. Denn das geht besonders durch.
        Jetzt bin ich noch was länger geblieben und hoffe, dir etwas zum Begreifen an die Hand gegeben zu haben.Liebe Grüße,
        Jules

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      2. Ich danke Dir sehr für deinen Rat…Allerdings: Ich werde darüber nachdenken und mich austauschen müssen, denn im ersten Moment lesen sich deine Worte für mich eher wie ein großes Kompliment…Die, wenn auch als unangenehm empfundene Nähe, erzeugt doch Authentizität. Wer glaubt mir denn, das das miteinander sein und sich gegenseitig halten wichtiger ist als alle Worte und Versprechungen, wenn „ich“ nicht authentisch bin und aus meiner eigenen Erfahrung heraus schreibe?

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      3. Natürlich haben wir dich in allen deinen Texten zuvor schon authentisch erlebt, meine Liebe. Aus jedem deiner schön gesetzten Worte spürt man dich heraus und erkennt dich als liebenswerte junge Frau, die durch ihren speziellen Blick auf die Welt bezaubert.

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      4. Ich glaube, das ist das schönste Kompliment, das mir je gemacht worden ist. Die Art, wie du es sagst… Ich kann da nicht mal das Sternchen für drücken. Solche Worte wollen wohl dosiert sein und Vielleicht könntest du demnächst einen „Gong“ davor setzen, damit ich mich darauf vorbereiten kann.
        Schönen Tag.

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  1. Liebe Rohva, eine Szene, so wunderbar geschrieben, dass sie perfekt in jedes meiner Bücher passen würde, denn es ist die Art von Romantik mit der ich etwas anfangen kann, allerdings sprechen meine Figuren weniger, sondern fühlen und atmen sich – ich danke dir sehr.

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      1. Deine Art zu schreiben ist wunderbar. Lass Dich nicht bremsen, denn es ist Dein Stil und auch wenn man über einen direkten Blog so etwas wie einen Hauch Nähe spürt, ist es doch abstrakt, es sei denn, die Leser kennen Dich persönlich.Auch als Autor kramt man immer in den persönlichen Erlebnissen und versucht diese gegebenenfalls durch Recherche zu ergänzen oder zu ersetzen. Ich habe Deinen Text als Philosophiestunde über das „ungesprochene Wort“ empfunden.

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      2. Genau so war es auch gemeint 🙂 Die heutigen Kommentare lassen mich wirklich schwer schlucken in zweierlei Hinsicht aber das ist okay. Ich bin jedenfalls sehr gerührt über dein unsagbar großes Kompliment, dass mir ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert. Ein schlichtes „Danke“ scheint mir da fast ein wenig zu banal. Nichts desto trotz. Jede Meinung hat ihre Berechtigung und verdient es gehört und betrachtet zu werden. Niemand ist perfekt. Ich bin es sicherlich nicht. Meine Art zu schreiben kann ich nicht ändern, denn man sagte mir bereits mehrfach, dass ich schreibe, wie ich bin. Bei der Anmerkung ging es ja auch eher um das, was ich „raus“ gebe. Ich verstehe, was er meint. Doch hier stößt die Kommentarfunktion an ihre Grenzen. Manche Dinge lassen sich im Rahmen eines Blogs einfach nicht angemessen erörtern. Trotzdem, was bleibt ist, dass ich für lobende Worte genau so Dankbar bin wie für kritische Denkanstöße. Ich will mich ja austauschen.
        Danke nochmal. Ich bin wirklich perplex, dass du so lieb für mich hier sprichst.
        Schönen Abend, Du Lieber 🙂

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    1. Liebe Renate
      Ich bin Sprachlos. Dein Beitrag ist so berührend und du sagst, mein Text habe dich zu deinen wundervollen Worten inspiriert. Ich muss gerade der glücklichste Mensch hier in Schlebusch sein… Danke.

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