ZeitWellen…Ein Klang Text

Zuerst ist die Dunkelheit.

Panik.

Darauf folgt die Kälte.

Mit dem Augenaufschlag entlädt sich die Panik, entflieht in den Raum. Etwas bleibt. Bewegungslos klingt Dunkelheit. Herein.

Es folgt der Atem. Er ist warm, flach und er kommt stoßweise. Angestrengt lausche ich über meinen Atem hinweg. Ein Rohr ächzt. Draußen brechen sich Windböen an den Bäumen. Knarzen. Ein zweiter Atem. Ich halte inne, traue mich nicht den Kopf zu wenden. Sekunden verstreichen. Ruckartig wende ich den Kopf. Da ist nichts, doch etwas wiegt nun schwer auf meiner Brust. Der Kater, dieses Vieh. Schwer liegt dieses Vieh auf meiner Brust. Ich schlage nach ihm, will ihn verscheuchen. Doch, da ist kein Kater. Da ist nichts. Da ist nichts außer einem leeren und düsteren Raum, in dem nun die Panik wild umher streunt. Es ist zu dunkel. Panik.Wenn sie zurückkommt, werde ich sie nicht kommen sehen. Ich kann nichts tun. Vielleicht zittere ich deshalb.

Meine Finger sind eisig. Kälte klebt an meinem Körper. Es ist der Schweiß. Kalter Schweiß klebt schwer und nass auf meiner Haut. Der Pullover saugt sich genüsslich an mir fest. Der Schweiß hat ihn zur Last gemacht. Er droht mich hinab zu ziehen. Umständlich setze ich mich auf. Ich ziehe das nasse Ding von meinem Körper ab, versuche etwas Luft zwischen Haut und Schweiß zu treiben. Das Ding schnellt zurück, also wische ich damit über mein Gesicht, meinen Bauch, meinen Rücken. Klebrige Nässe. Die Bettdecke, das Kopfkissen, die Couch. Überall. Ich versinke darin. Ich bin ekelhaft.

Zieh dich um! Ein schwacher Befehl. Er verebbt in irgendwo in der Dunkelheit. Den Pullover ziehe ich mir über die Nase, hoch über mein Gesicht. Ich vergrabe meine Hände tief in ihm. Angestrengt rieche ich durch den Schweiß hindurch. Dort. Dahinter…Der Geruch ist noch da. Hinter dem Schweiß kann ich ihn riechen. Ja. Er ist da.  Er hat sich fest mit dem Stoff verwoben. Er ist da. Genauso wie all die Nächte zuvor. Genau wie all die Nächte zuvor brauche ich ein paar Minuten. Regungslos verharre ich in der Dunkelheit, versuche möglichst tief und gleichmäßig ein und auszuatmen. Ich warte auf das Gefühl. Ich weiß, dass es kommt. Dann kommt es. Nichts hat sich geändert. Wohlige Zufriedenheit strömt durch meine Nase, direkt in meinen Körper hinein. Wärme breitet sich aus. Ich genieße. Wenigstens einen Moment lang vergesse ich und lasse mich von der Wärme widerstandslos einlullen.

Schließlich habe ich mich soweit beruhigt, dass ich ins den dunklen Raum zurückkehren kann. Ich schaffe es diese Nacht sogar direkt aufzustehen. Den Weg zum Esstisch kenne ich blind. Widerwillig ziehe ich mir den Pullover über den Kopf und hänge ihn tastend über die Stuhllehne. Ich streiche mit der Hand noch einmal darüber. Bis zur nächsten Nacht wird er getrocknet sein. Daneben liegt bereits ein frisches Shirt. Es muss dort liegen. Hier im Wohnzimmer muss es liegen. Das Schlafzimmer. Als es Anfing, in der ersten Nacht…Es muss wirklich hier liegen. Hier. Ich nehme es. Ziehe es an. Es riecht nach frischer Wäsche, sonst riecht es nach nichts. Zeitlose Frische. Ein Schmerz. Unwillkürlich fasse ich mir an den Hals. Ich kann nicht atmen. Ich ersticke. Ich weiß, ich werde ersticken. Ich kralle mich an die Stuhllehne, vergrabe meine Hand in dem nassen Fetzen. Die Dunkelheit schreit mich an. Nein. Ich schreie.

Ich weiß jetzt, dass es drei Uhr Zweiundzwanzig ist. Es erschien mir wichtig auf die Uhr zu sehen. Genauso wie all die Nächte zuvor. Ich kenne den Ablauf. Das Licht bleibt aus. Ich taste mich zurück in das Wohnzimmer und erinnere mich daran, dass dort ein Glastisch steht, an dem ich mich verletzen könnte. Ich muss aufpassen. Das tue ich. So erreiche ich unbeschadet die Couch. Als ich vor der Couch stehe weise ich mich darauf hin, Kopfkissen und Bettdecke auf die trockene Seite zu drehen. Ich führe den Vorgang aus, doch dann fällt mir auf, dass ich das Handtuch vergessen habe. Also zähle ich die Schritte die ich bis ins Badezimmer benötige. Es sind exakt 17 Schritte um hinzugelangen und 17 Schritte um zurück zu gelangen, wenn ich in normalen Schritten gehe. Wenn ich mich in kleinen Schritten bewege erhöht sich die Zahl auf 36 Schritte, in großen Schritten schrumpft die Zahl hingegen auf elf. Genau wie die Nächte zuvor. Nichts hat sich geändert. Als ich mit dem Handtuch zurückkehre und mich wieder darauf hinweise nicht gegen den Glastisch zu laufen sehe ich, dass es jetzt Drei Uhr Dreiundzwanzig ist. Das erstaunt mich, denn ich hätte gedacht, dass es mindestens Drei Uhr Vierundzwanzig ist. Ich nehme mir für die nächste Nacht vor unbedingt die Sekunden zu zählen, die ich bis zum Bad und wieder zurück benötige. Die Schrittzahl kenne ich. Die Sekunden. Daran habe ich bisher nicht gedacht. Dabei macht es ja Sinn. Man sollte sie kennen. Die Zeit.

Ich lege das Handtuch über die Stelle, an der mein Körper einen konturhaften, nassen Fleck gezeichnet hat. Dann setze ich mich auf die Couch. Meine rechte Hand rückt das Kissen zurecht. Meine Beine sind angewinkelt. Ich drücke sie vom Boden ab und schwinge sie nach rechts, wo ich sie unter die trockene Seite der Bettdecke schiebe. Danach greife ich nach der Bettdecke, während ich beinahe Zeitgleich meinen Oberkörper zurückfallen lasse. Dann liege ich wieder erstarrt in der Dunkelheit. Ein Augenaufschlag. Die Panik stiehlt sich noch immer durch den Raum. Wieder versuche ich zu sehen, was ich nicht sehen kann. Die Ohren sind gespitzt. Doch, da ist nach wie vor nichts was nicht da sein sollte. Mein eigener zitternder Atem. Ein Ächzen. Die Rohre. Das Knarzen der Äste. Der Wind schwillt an. Sonst ist da nichts. Ich schnüffle unbestimmt in die Dunkelheit. Ich rieche nur Kälte. Es gibt nun nichts mehr zu tun. Also liege ich bloß da und warte, mit weit aufgerissenen Augen. Meine Hände umklammern die Bettdecke. Ich warte auf den nächsten Teil. Er kommt. Natürlich. Die Gedanken schnappen. Zu. Die Welle bricht…

Der Kater kommt maunzend herein gestreunt. Ich höre seine Tatzen über das Paket klackern. Er springt zu mir auf die Couch. Ich lasse es zu. Ich drehe mich auf die Seite und schiebe meinen Arm unter seinen warmen Bauch. Sein Fell wird ganz nass. Er beschwert sich nicht. Geduldig warten wir bis jede Träne für diese Nacht verbraucht ist. Er schnurrt. Das hilft. Die Welle verebbt. Für diese Nacht ist es genug. Ruhe, schimmert nun sanft durch den Raum. Zeitlosigkeit.

Wir treiben gemeinsam ein Stück. Ein neuer, zarter Klang ertönt. Zeitwellen. Unsichtbar gleiten sie immerzu durch den Raum.

Zeitwellen.

Ich spüre wie sie über mich hinab, durch mich hindurch, gleiten. Ein ferner Hauch. Fern, doch einst werden sie den Stoff, Stück um Stück, abgetragen haben. Sie werden ihn weit mit sich hinaus nehmen, in die Ferne. Ein loser, aufgeribbelter Faden, der auf dem Meer treibt. Neue Wellen werden sich erheben. Auch sie werden vergehen. Es ist das Wechselspiel der Gezeiten. Dieser Gedanke lässt mich endlich hinab gleiten, in einen Traumlosen Schlaf.

17 Kommentare zu „ZeitWellen…Ein Klang Text“

  1. Klang Texte ist eine sehr schöne Bezeichnung. Ich mag auch den Inhalt und die Stimmung darin. Wahrscheinlich weil sie so nah gehen und mich für ein paar Minuten gefangen nehmen und mich ganz eintauchen lassen.
    Hier kann man schreiben was man will – es ist die eigene Seite da darf jede Stimmung rein. Aber ich finde die Idee mit der Kategorie trotzdem gut. Bei manchen liebgewonnen Blogs geht es mir ähnlich – ich frage mich schnell, oje…ist alles in Ordnung bei ihr oder ihm. Wenn man über Monate jemandem dicht folgt indem man liest, dann entsteht auf wundersame Weise eine Nähe zu Menschen, die einem eigentlich fremd sein müssten.

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    1. Ja, da hast du wohl recht. Man baut so eine Beziehung zu den Menschen hier auf. Ich halte einen „Klang.“ als Vorwarnung für eine gute Lösung 🙂
      Von wegen Liebe und Frieden und so…und Freiheit.
      Danke für deinen Lieben Kommentar. Freiwillige Gefangene sind mir ja die Liebsten 😉
      Schönen Abend, Du Liebe.

      Gefällt 3 Personen

  2. Eben war ich schon eingeschlafen. Bin noch mal aufgestanden, weil die Lampe an meinem Schreibtisch noch brennt. Der Rechner ist auch noch an. Da guck ich mal nach dem Rechten, Dann lese ich deinen Klangtext, nein Klang Text. Beunruhigend. Ich werde ihn morgen nochmals lesen, damit ich ihn verstehe. Übrigens: Ab heute werden die Tage wieder länger. Das ist doch eine schöne Vorstellung. Gute Nacht, schlaf gut, liebe Jennifer

    Gefällt 3 Personen

  3. Oh, ein Kommentar voller Licht 🙂
    Die Schreibweise ist beabsichtigt. Sie soll den erklingenden Ton hervorheben.
    Ob lange oder kurze Tage: Mit Sonne im Herzen wird es irgendwie einerlei 😉
    aber danke für den Hinweis.
    Ich hoffe du konntest heute Nacht wohlbehütet in den Schlaf zurückfinden und verpasst nicht den halben Tag.
    Guten Morgen, lieber Jules

    Gefällt 3 Personen

  4. Allerliebste Rohva, dein freies unvorhersehbares Schreiben finde ich wunderbar, vielleicht weil ich auch nie genau weiß wie meine Geschichten weiter gehen oder enden, denn meine Figuren bestimmen ihren Fortgang selber und ich schaue nur zu als stummes Diktiergerät. Erst, wenn ich bei meinen Worten lache, Furcht empfinde oder weine weiß ich, dass es gut sein muss. Obwohl ich seit 30 Jahren mit meiner Frau zusammen bin, fragt sie bei meinen Gedichten oft ob diese von mir seien. Dabei hat sie Tränen in den Augen und sie erkennt den anderen Mann in mir, der nichts mit unserem Alltag zu tun hat, sondern außerhalb existiert, da wo ich zu diesem Zeitpunkt sein musste, wollte und durfte. Ein größeres Kompliment kann man nicht erhalten. So sehe ich das bei der Reaktion deines Vaters auch, also sei beglückwünscht deine andere Seite zeigen zu können.
    Deine kleine Novelle hat mir ausgezeichnet gefallen, weil du nicht nur die richtigen Worte gefunden hast, du gabst mir auch das Gefühl riechen, hören und zittern zu können, mit deiner Geschichte. Ich habe es nicht gelesen, sondern ich stand stumm in einer dunklen Ecke und habe dich mit blinden Augen verfolgt bis du wieder ruhig geschlafen hast. Dann hat sich der Klang Text in einem milden Nebel aufgelöst. Ich danke dir sehr für die kurze gemeinsame Reise, sehr geschätzte Marktfrau mit „Hobby“.

    Gefällt 6 Personen

    1. Lieber Arno,
      Tut mir leid, dass ich dir erst jetzt auf deinen wundervollen Kommentar antworte aber du kannst dir ja sicher vorstellen, was an unserem kleinen Marktstand zur Zeit los ist…
      Dein Kommentar zaubert mir ein breites grinsen ins Gesicht. Ich mag deine empathische Art sehr. Vielleicht werde ich mir den Kommentar ausdrucken und sobald ich das nächste Mal an mir zweifle…;)

      Danke jedenfalls. Danke, für deine lobenden Worte. Vielmehr noch, danke für dein Textverständnis.
      Du gibst exakt wieder, worum es mir beim Schreiben geht. Der Mensch an sich ist Facettenreich. Wenn man mal überlegt wie viele Rollen wir allein in unserem täglichen Leben zu erfüllen haben wird dies deutlich. Niemand hat nur eine Seite. Die Reaktion deiner Frau bestätigt das ja.
      Ich glaube ja auch daran. Alles hat seine Zeit und seinen Sinn. Das Eine ergibt das Nächste.
      Die „Marktfrau mit Hobby“ und ihr leer gefegter Kopf wünschen dir und deiner zauberhaften Familie jedenfalls ein paar leckere und besinnliche Feiertage
      Lieben Gruß

      Gefällt 2 Personen

  5. Klingende Jennifer

    Als Sie Mir damals erklären wollten
    Diese Wissenschaftler
    Die nicht wissen
    Und vorgeben die Wahrheit
    Zu suchen
    Und die Materialisten dazu lautstark
    Mit den feisten Händen klatschten
    Verkündeten Sie männertriumphal
    Am Anfang war der Urknall
    Da dachte Ich die haben ja einen Knall
    Und Meine Seele nickte weise
    Und Mein Geist sprach laut und klar
    Ach Joachim das ist denn gar nicht wahr
    Am Anfang war
    Nach Alter Liebe Weise
    Ein Kuss
    Gehaucht ganz zart und leise

    danke
    Dir Joachim von Herzen und zu Pfiffikuß

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich wünsche dem Pfiffikuß
      von Herzen,
      ein paar besinnliche Feiertage,
      voller Licht und Liebe
      Es grüßt Dich,
      Jennifer, zart klingende
      WeihnachtsFee, ohne Glöckchen,
      dafür mit TrommelPhobie 😀

      Gefällt 2 Personen

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