Liebe Omi, Tschüss, bis Bald…

Der Tag beginnt mit wirren Haaren und einem verschlafenen Lächeln. Heute wäre die Frau oben auf meinem Titelbild 81 Jahre alt geworden. Noch während ich mich ausgiebig im Bett räkle und alle Viere von mir strecke, blitzen Erinnerungen auf, die mein verschlafenes Lächeln zu einem Dauergrinsen anschwellen lassen.

Da tanzt ausgelassen der Rücken-Schubberer aus Holz auf und ab, während das Kind verschwindend klein, hinter der Oma hockt und angefeuert von inbrünstigen „Oh. Ja. Weiter Links, Kind. Links.“ Rufen, alles gibt. Zewa Tücher verschwinden wie selbstverständlich unter viel zu großen, schweren Brüste, Nur zur Sicherheit, als Reserve, falls das Kind sich später mal wieder schmutzig machen sollte. Allzeit bereit. Als Oma ist man vorbereitet. Da stemmt die Oma, auf dem Balkon stehend, die Hände in die Hüften und kreischt: „Ja, lasst ihr euch denn etwa von einem kleinen Mädchen verplästern?“, ruft sie den beiden Nachbarsjungen Tino und Nino zu, die ich kampflusitg im Schwitzkasten halte. Ich höre wie sie mich anfeuert, während die Nachbarsfrau einen spitzen Entsetzensschrei ausstößt. „Sofort aufhören!“… Ich höre das hervorbrechende, immer etwas erschrocken klingende Lachen. Ich zucke zusammen, dann lache ich mit. Ich weiß ja manchmal gar nicht worüber wir eigentlich lachen. Wir lachen halt. Das hält jung.

Ihr Lachen ist einnehmend. Es ist groß, genau wie ihre Mimik und Gestik, genau wie die Geschichten die sie erzählt. Niemand lässt den kleinen Peter schelmischer fliegen. Niemand scheucht das arme Rotkäppchen argloser durch den dunklen Wald…Nein, man will den Blick nicht von ihr abwenden, selbst, wenn man zusammen gekauert, nur mit einem Augen unter der Bettdecke hervorlugt. Zuerst war da eine Schönheit, eine die an eine junge Elizabeth Taylor erinnerte, die sie stets sehr verehrt hat. Ja, sie ähnelten sich. Auch äußerlich. Später zeichnet sich dann, eine andere Schönheit ab, eine reifere, eine vom Leben gezeichnete. Den Patriarchen, den kannte sie sehr wohl. Abhängigkeiten. Vergangene Zeiten…

Ich stelle die Kaffeemaschine an, fahre den Laptop hoch, rauche eine Zigarette auf dem Balkon. Der lieblich herbe Duft steigt mir in die Nase und dann finde ich sie. Ich sitze im Schneidersitz vor dem Laptop und da erscheint sie plötzlich, eine gereifte, füllige Frau von Format. Eine Frau, die sich das Lächeln nicht nehmen lässt. Eine Frau, die für ihr Publikum glänzt.

Der Frust und die Traurigkeit verschwanden in ihrem Magen, wurden dort sicher verschlossen, so wie sie sich zunehmend in ihrer Wohnung verschloss. Die Wohung gab ihr eine Sicherheit, die sie draußen nicht finden konnte. In ihren Vier Wänden war sie den Dingen gewachsen. Die Außenwelt überforderte sie zunehmens. Draußen. Panikattacken, Schwindelgefühle und Überforderung, lauerten dort. Dem setzte sie sich nicht gerne aus. Lieber schickte sie die Kinder, später die Enkelkinder zum einkaufen… Flüchtige Erinnerungen, die von einer andere Seite, doch von derselben Oma künden. Um sich nach draußen zu begeben, da brauchte es schon wenigstens einen Kinderwagen, an den sie sich klammern konnte. Mit Enkelchen und Kinderwagen bewaffnet spazierte sie runter zum Friedhof. Da gab es eine Bank, auf die sie sich setzen konnte. Sie sah den Kindern beim spielen zu, hing ihren Gedanken nach. Winkte ab und zu. Auf dem Friedhof gab es nichts um das sie sich hätte sorgen müssen. Es herrschte Ruhe. Die Kinder konnten dort frei umhertollen. Da gab es keine Autos, keinen Verkehr, auf den sie hätte achten müssen. Sie mochte die Ruhe dort wirklich sehr gern.

Die Familie gab ihr Halt. Die Familie bildete das Zentrum, bot ihr einen Fixpunkt, den sie in sich selbst nur schwer fand. Da war der Opa. Den musste man respektieren, auch ohne das er halb drohend den Pantoffel hob. Da waren die sechs Kinder, die sie großzogen hatte. Dann kamen die Enkelkinder, die plötzlich wie Pilze, unaufhörlich, aus dem Boden schossen. Um die Enkelchen kümmerte sie sich mit Hingabe und Leidenschaft. Von Zeit zu Zeit wurde es ihr zu viel. Was man als Oma einer ganzen Heerschar an Enkelkindern alles leisten müsse und das, nachdem man ja bereits sechs Kinder großgezogen hätte. So viele Enkel! und es würden ja immer mehr! Wann höre das denn mal auf? Man müsse doch irgendwann einmal zur Ruhe kommen… Sie verkündete es. Mehrfach, vehement, lautstark, mit großer Mimik und Gestik. Doch wehe die Ruhe währte länger als Drei Tage, dann wurde das Drama um so größer. „ Was habe ich euch getan? Ich sehe meine Enkel ja kaum noch? Die erkennen ja bald ihre eigene Oma nicht mehr! Warum kommt ihr denn gar nicht mehr vorbei?“ Die Familie. Auf dieser Bühne konnte sie glänzen, strahlend schön und hell, mit ihrem lachenden Herzen aus „zwanzig Karat“, das wohl so manches Mal das ein oder andere Kopfschütteln bei uns hervorrief. Die andere Seite verschwand in ihr, wurde sorgsam unter Tabletten und Frankfurter Kränzen begraben,  bis das ganze Sammelsurium letztendlich doch noch hervor- und ihr den schwermütig gewordenen Kopf zerbrach…

Oma Lehner. Heute wäre sie 81 Jahre alt geworden und irgendwie ist sie es auch. In unseren Herzen ist sie es. Sie lacht uns schallend zu, stämmt dabei ausladend die Hände in die Hüften. Ich sehe hinauf. Da steht eine große Frau von Format, eine mit einem Herzen aus Zwanzig Karat. Eine authentische Frau. Eine Frau mit vielen Seiten. Eine besondere. Eine, wie du und ich.

Happy Birthday.

 

 

 

8 Kommentare zu “Liebe Omi, Tschüss, bis Bald…”

  1. Liebende Jennifer

    .. bis bald ? Willst Du Uns so früh verlassen ?
    Und entgeistert vernehme Ich
    „..der Geist raubt uns kostbare Energie.“
    Wären die Seelen geistverbunden welche all die Greuel derzeit inszenieren
    Verstand ist Er nicht und Intellekt schon gar nicht
    Meinst Du die Gespenster der Vergangenheit ?
    „Niemand nimmt uns als Erwachsene an der Hand. Wer könnte das auch schon?“
    Ein Freund erzählte mir einst von einer Spruchpostkarte
    Und Der von dem da die Rede ist ist nicht die SM Inszenierung einer gefolterten Leiche
    „Jesus nimmt uns nicht die Angst. Er geht mit uns in die Angst hinein.“
    So fühle Ich Mich an die Hand genommen
    Und Ich lasse Sie nie mehr los
    Wenn Ich früher im Geisterland bin besuch Ich Deine Oma
    und erzähl Ihr was Du für eine 21 karätige Enkelin bist

    danke
    Dir Joachim von Herzen

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    1. Joachim von Herzen,
      Ich gehe selbstverständlich nirgendwo hin, so fern mich in nächster Zeit kein Bus überrollen oder mir ähnlich unvorhersehbares Zustoßen sollte.
      Ich spreche nicht von Geistern der Vergangenheit. Ich spreche von dem Kritiker in unserem Kopf, der in unliebsam, in unserem Oberstübchen umherwandert. Energie raubt er uns, indem er uns unsere Herzenskraft nur all zu schnell überhören lässt. Würden wir häufiger unserer Herzenskraft lauschen, würden Intellekt und Verstand ja zu ungekannten Höhen erhoben werden. Derzeitige Greueltaten würden obsolet, gar undenkbar.

      Ja, man sollte seinen Ängsten nachspüren. „Niemand nimmt uns als Erwachsener an die Hand.“ Sicherheit finden wir in erster Linie in uns Selbst. Ob man anschließend einen Jesus mit ins Boot holt, bleibt wohl jedem Selbst überlassen 😉
      Danke für deinen Kommentar,
      Joachim, Du Liebender von Herzen.
      Ja, bitte grüß mir die Oma, doch noch nicht all zu bald.
      Es grüßt dich
      Jenny
      von Herzen und gerne auch mit 21 Karat 😉

      Gefällt 2 Personen

  2. Mein Juwel
    heute Nacht wenn all die Leiber
    schlafend in Ihren Betten liegen
    Bin ich droben in der Seelenwelt
    Und werd die Oma finden
    Wenn es Ihr gefällt
    Dann fühl Dich von Mir an die
    Hand genommen Minne ist s
    Die edlem Manne zur Zierde gereicht
    Und dem Du den Namen eines Fischers gabst
    Ist s ja Gesinnung nur ganz und gar
    Brennender Liebe Wesensart
    Mögen Wir Sie Buddha nennen
    Oder den Frohsinn
    Einer Biogemüsefrau
    Denn jede Mohrrübe
    Ist eine Heilige

    Dir
    Joachim von Liebenfels

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  3. Liebste Rohva, ich kenne die Stimmen die unser Herz umkreisen, erst leise in der Jugend, dann immer lauter werdend. Wer nimmt uns an die Hand? Nur eine wahrhaftige Liebe vermag dies, hält uns, beschützt uns, weint und lacht mit uns. Diese wahre Liebe wünsche ich Dir von Herzen, und unsere Großmütter blicken auf uns herab und freuen sich über die Enkel, denen sie so viel Liebe gegeben haben – danke für Deine bezaubernden Zeilen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Sehr schön gesagt Lieber Arno
      und auf den Punkt gebracht. Danke.
      Meine Oma war eine liebenswert verschrobene Frau. Ein Original. Heute ist die Familie in alle Winde verstreut, genau wie die Oma.
      Meine Cousine meinte, der Text hätte sie fünfzehn Jahre zurückversetzt, besonders die Stelle mit dem Zewa 😉 Es ist schön, mit ihr (dieselben) Erinnerungen zu teilen und den Familienkern so ein Stück weit lebendig zu halten… „Die Liebe hört niemals auf.“ So ist es. Die „Omma“ bleibt und erinnert uns daran, dass die Familie ein wertvolles Gut ist.
      Lieben Gruß

      Gefällt 3 Personen

  4. Liebe Rohva, es verschmelzen nicht nur Trude Herr und Hildegart Lehner sondern wahrscheinlich auch ganz persönliche Erinnerungen von jedem, der deinen Text liest. Er ist schön. Ach, viel mehr. Ist klug und nachdenklich, leise melancholisch und hält zwischen den Zeilen ein prustendes Lachen parat.
    Es sind mindestens zwanzig Karat, die du im Herzen trägst. Man kennt die Stimmen von denen du sprichst und weiß, wie wichtig es ist dem Herzen zu glauben, wenn sie zu laut werden.

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    1. Hey Mitzi,
      Guten Morgen. Es ist mal wieder herrlich mit deinem Kommentar in den (letzten Urlaubs)Tag zu gehen 🙂
      Ich freue mich, dass dir der Text gefallen hat. Ich mag die Vorstellung, dass er auch bei anderen liebevolle Erinnerungen auslöst. Wir reden gerne von „Schuld“, die man nicht vergessen dürfe aber was ist mit den schönen Dingen? Sollte man nicht gerade die im Herzen tragen? Besonders schön finde ich deinen letzten Satz. Es tut gut zu hören, dass auch Andere die Stimmen kennen, die gerne Mal den Zeigefinger oder gleich die ganze Faust erheben. Ein paar angesammelte Karat können da nicht schaden 😉
      Danke, fürs Lesen. Bitte fühl dich herzlich gedrückt.

      Gefällt 2 Personen

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