Heute ist morgen, schon damals war gestern… Und dann gab ich dem Morgen die Hand

Die Zeit folgt ihrem eigenen Rhythmus. Manchmal stelle ich erstaunt fest, dass Dinge, die doch eben erst passiert sind, tatsächlich schon viel länger zurück liegen. Neulich und vor kurzem. Oftmals relativ. Ich sage: Seit einiger Zeit ernähre ich mich vegan, doch sobald ich eingehender darüber nachdenke, dämmert mir, dass dieses seit einiger Zeit, mittlerweile eine Zeitspanne von über drei Jahren umfasst.  Die Zeit vergeht, konsequent. Die gefühlte Zeit tickt da anders.

Seit der Grundschule führe ich Tagebuch. Besondere Momente, banales, kurioses, manchmal auch schmerzhaftes. Das Buch weiß vieles. Es sah Menschen kommen und gehen, auch mich. Geduldig ertrug es jede kullernde Träne, jedes hingekrakelte Herz, jede Verrücktheit. Es ertrug es, einfach so und ohne jemals zu murren. Egal wohin ich ging, wie oft ich auch ausmistete. Das Buch blieb. Aus dem Buch wurden die Bücher.

Ich lese heute selten in den alten Büchern, doch ich tue es und wenn ich es tue, denke ich dabei jedes Mal auch ein bisschen an Frau Breder. Sie schenkte mir mein erstes Tagebuch.
Frau Breder war die Mutter von Jennifer, meiner damaligen Grundschul-Sitznachbarin und folglich besten Freundin. Jennifer und Jenny K., das waren wir. Vier Jahre lang waren wir unzertrennlich, teilten Brustbeutel, Trinkflaschen und Brotdosen. Gemeinsam tobten wir über die umliegenden Felder, klauten dem Bauern seinen scheußlichen Futter Mais und tunkten, zwischen Omas Beten sitzend, sauren Rhabarber in Berge von Zucker. Der Hund tollte um uns herum, während die Katzen eher unbeteiligt durch das hohe Gras schlichen. Jennifer besaß ein Pferd, doch mit Pferden konnte ich nicht viel anfangen. Ich spielte lieber Fußball, damit wusste Jennifer wiederum nichts anzufangen. Sie brachte mir ein paar Takte auf dem Klavier bei. Das gefiel mir. Oberflächlich betrachtet hatten wir wohl nicht sehr viel gemeinsam, doch was heißt das schon? Eine Freundschaft geht tiefer…Gefühlt waren wir ein Leben lang befreundet, tatsächlich aber war es vier Jahre und einen Schulwechsel später vorbei. Die Wege trennten sich immer mehr. Die Erinnerungen blieben. Auch weil ich sie notiert habe. Man vergisst ja so schrecklich viel, doch dank Frau Breder kann ich nun in unzähligen Erinnerungen hin und her blättern.

In Wirklichkeit ist das geschenkte Tagebuch ein Klassenbuch gewesen, denn Frau Breder war Lehrerin. Als ich sie damals fragte, was ich denn mit so einem Buch anfangen sollte, sagte sie mir, ich könne doch ein Tagebuch daraus machen. Ein Tagebuch? Was ist ein Tagebuch?…Seitdem schreibe ich, auch wenn ich es heute nicht mehr so häufig tue wie damals.

Noch heute bin ich Frau Breder unendlich dankbar dafür, dass sie mir dieses Büchlein schenkte. Für mich ist es wichtig so etwas zu besitzen. Man vergisst so schrecklich viel. Bedeutsames, Nichtigkeiten. Irgendwann verblasst jede Erinnerung. Mir tut es gut die Vergangenheit festhalten zu können. Nichtigkeiten genau so wie Bedeutsames. Manchmal ändert sich der Wert ja auch. Dinge, die ich vor Jahren schrieb begreife ich manchmal erst viel später. Der Stellenwert steigt. Plötzlich verstehe ich. In der dreizehnten Klasse mussten wir Kassandra lesen. Das Buch hat mich so schrecklich genervt und gelangweilt. Jahre später fand ich es wieder. Ich las es noch einmal und seitdem zählt es zu meinen Lieblingsbüchern.

Es heißt,  lebe Hier und Lebe jetzt. Blicke nicht zurück, denn Es gibt nur einen Moment, den Gegenwärtigen. Ich halte das für Blödsinn. Ich bin doch kein Moment. Ich bin ein Mensch. Was ich einmal war, das bin ich noch. Ich habe eine Vergangenheit. Was ich gesehen und erlebt habe, was ich bis hier her gelernt habe, das prägt den Menschen, der ich morgen bin. In der Vergangenheit leben oder mit der Vergangenheit leben. Das macht einen Unterschied. Mir hilft es solche Zeitdokumente zu besitzen.

Neben den Tagebüchern sind da noch die Fotos. Zum Beispiel dieses Hier: Mein erster veganer Kuchen. das Erste Gericht, das ich überhaupt bewusst vegan zubereitete. Den Kuchen hatte ich damals für eine neue Freundin gebacken, die bereits seit über zwanzig Jahren vegan lebt. Damit begann die vegane Reise. Ein schöner Anfang wie ich finde. Der Hintergrund lässt erkennen, dass ich damals alles andere als vegan gelebt habe.

1379615489782Es war ein veganer Zwetschgen Streusel Kuchen. Das Rezept hatte ich auf Chefkoch.de gefunden. Es wurden Sojola und Apfelmus statt Eiern und Butter verwendet.

Ich weiß noch, wie erstaunt ich damals war, wie lecker und vor allem saftig der Kuchen geworden ist, obwohl doch gar keine Eier und nix drin waren. Für mich war das damals wirklich ein spannender und erhellender Moment, denn er hat Fragen nach sie gezogen. Fragen wie: Warum backt man Kuchen denn überhaupt mit Eiern, wenn es doch auch so funktioniert? Wenn es beim Kuchen klappt, was ist dann noch alles vegan möglich? Warum isst man überhaupt vegan? Ist es denn wirklich so verrückt sich vegan zu ernähren? Könnte ich das? Das Thema packte mich. Zuerst ließ es mich staunen, dann kam die Neugierde. Ich war in Experimentier-Laune. Also habe ich es einfach drei Monate lang ausprobiert. Die Ethischen Aspekte, Dokumentationen wie Earthlings, diverse YouTuber oder Menschen wie Hagen Rether rückten erst einige Zeit später in mein Bewusstsein.

Als alteingesessene Veganerin war Sabine natürlich begeistert von meiner Idee der veganen Ernährung eine Chance zu geben. Ab da hat sie mich regelmäßig vorzüglich bekocht und mir immer wieder selbstgemachtes, wie Kuchen, Pralinen und Cracker geschenkt. Außerdem stellte sie mir ihren unerschöpflichen Fundus an (roh)veganen Rezept Büchern zur Verfügung. Ja, sie hat mir die vegane Ernährung äußerst schmackhaft gemacht. Sie brachte mich aber auch mit der ernsthafteren Seite des Veganismus in Kontakt. Ab da gab es für mich kein zurück mehr. Eine Zeit lang scheiterte es an einem adäquaten Milchersatz aber als ich erst einmal die zuckersüße Reismilch für mich entdeckte ging es ganz leicht. Ich blieb vegan und es fiel mir zunehmend leichter. Ich begann mein Essen zu fotografieren, lange bevor ich auch nur wusste was ein Blog ist.

Heute sind Sabine und ich nicht mehr befreundet, doch ich mag sie nach wie vor und immer wenn ich die alten Fotos betrachte, denke ich auch ein bisschen an sie, wie ich bei meinem ersten Tagebuch an Frau Breder denke. Ich bin ihr unendlich dankbar. Sabine hat mich nicht nur mit der veganen Lebensweise vertraut gemacht. Sie hat mich hinter den magischen Vorhang blicken lassen. Was ist normal und was ist verrückt? Wen belächeln wir eigentlich und warum? Was ist erstrebenswert? Sabine hat meinen Geist geöffnet für solche Fragen. Dafür danke ich ihr.


Ach, jetzt ist der Text schon wieder so schrecklich lang geworden, dabei wollte ich diesen Post ursprünglich dazu nutzen ein paar Fotos zu zeigen aus drei Jahren veganer Ernährung. Es gibt keine Rezepte. Die weiß ich größtenteils gar nicht mehr. Es sind eher ein paar leckere Anregungen und Erinnerungen. Vielleicht ist es auch ein kleiner Abschluss.

Ich sammle Bananenkartons. Vielleicht wird es Zeit dem Morgen die Hand zu reichen…

Erste vegane Weihnachten

Neueres: Aquafaba Experimente

Rohkost Spaß & Die Entdeckung der Natur

noch mehr Spaß

was sonst noch war

und

und

und…

Zum Abschluss noch mein aller erster Blog Post

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Insalata Di Bruno Marso – Bunter Feld/Obstsalat mit karamellisierten Brotstückchen Minze und Zimt

Und nun kann die Reise weiter gehen.

14 Kommentare zu “Heute ist morgen, schon damals war gestern… Und dann gab ich dem Morgen die Hand”

  1. Hallo Jenny, auch wenn Du viel geschrieben hast, habe jedes Wort genossen. Wunderschöne Reflektion. Wenn jeder so schön Rückblicke in Wort umsetzten könnte, würden alle sich nur für die Vergangenheit interessieren. Ich kann nur eines behaupten, deine Tagebuch-Tätigkeit hat dich zu einer großartigen Erzählerin werden lassen. Wie man auf den Bilder sehen kann, lag es Dir schon immer viel an Ästhetik. Klasse Bilder. LG Jacob

    Gefällt 2 Personen

    1. Guten Morgen Jacob, Vielen lieben Dank fürs lesen. Deine Worte entlocken mir mal wieder ein dankbares Schmunzeln. Eine großartige Erzählerin hat mich noch nie jemand genannt. 🙂
      Das macht mich schon ein wenig stolz. Meine Bilder können ja nicht annähernd mit der Ästhetik deiner Fotos konkurrieren, um so ein größeres Kompliment ist es, dass sie dir gefallen. Danke. Für vieles.
      Zauberhaftes Wochenende
      Jenny

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  2. Hallo Jenny,
    ein sehr toller Bericht! Ich habe es sehr genossen zu sehen dass du ähnlich wie ich auch, Rückblenden und Gegenwart kombinierst. Wir leben zwar hier und heute, aber unsere Vergangenheit ist ein wichtiger Teil von uns.
    PS: Ich bin zwar noch keine Veganerin, aber versuche doch gerne das eine oder andere Rezept aus.

    LG
    Elena

    Gefällt 1 Person

    1. Oh! Jetzt bin ich aber neugierig auf deinen Blog. Wobei. Eigentlich macht mich ja allein der Blog Titel schon neugierig. Lecker!
      Hallo Elena. 🙂
      Danke für das liebe Kompliment.
      Die Vergangenheit ist wichtig, genau so wie das hier und heute.
      Schön, dass du so aufgeschlossen bist für vegane Ernährung. Mir hat sich da eine komplett neue Welt erschlossen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele tolle Rezepte und Zubereitungsarten gibt, die ich damals ja noch gar nicht kannte. Selbst wenn man nicht Vegan leben möchte, ist es trotzdem spannend ab und an auf diese Weise zu kochen…Finde ich. 😉
      Lieben Gruß
      Jenny

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Jenny,
        freue mich auf deinen Besuch auf meiner Seite.
        Und ja, du hast Recht! Offen bleiben für alles Neue ist sehr aufregend. Ob Rezepte oder andere Dinge. Einfach versuchen und es eröffnen sich einem neue Wege …. 🙂
        LG
        Elena

        Gefällt 1 Person

  3. Allerliebste Rohva, du hast so wundervolle philosophische Gedanken, dass es mir nicht wie lesen vorkommt sondern wie eine gute Geschichte in der ich mich selbst wiederfinde. Du bist für jeden Menschen ein Gewinn als Freund, selbst wenn man sich gedanklich nur eine Weile an dir reibt. Du bist einer der wenigen Menschen bei dem mir auffällt, wenn er nicht regelmäßig schreibt und deine Texte lese ich nie zwischen Tür und Angel,sondern ich hole mir einen Kaffee und genieße diese bewußt – Danke für deine Leidenschaften und dein Wesen ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Arno, Du bist ein ganz besonderer Mensch.
      Aber das sage ich dir ja nicht zum ersten Mal. ❤
      Es tut so gut zu hören, dass du meine Texte "wirklich" liest. Ich bin tatsächlich jedes Mal ein wenig verunsichert, wenn ich einen Text oder ein Rezept veröffentliche…
      Es ist einfach schön, dass du da bist und mich unterstützt.
      Lieben Gruß
      Rohva 🙂

      Gefällt 1 Person

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