Sie nennen mich Marktfrau

Sie nennen mich Marktfrau

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Wenn ich andere Blogs lese interessiert mich neben dem Inhalt, vor allem, wer hinter den Texten, Bildern und Rezepten steckt. Die Inhalte formen zwar oftmals ein gewisses Bild von einer Person, doch ich bin neugierig, richtig spannend wird es für mich, wenn ich einen Einblick in das Leben und den Alltag der Person bekomme, die hinter dem Blog steht. Ich finde es immer wieder schade, wenn die „Über“ Seite unausgefüllt bleibt, auch wenn ich natürlich nachvollziehen kann, das einige Leute gerade die Anonymität des Blogger Daseins zu schätzen wissen. Ich nicht und deshalb nehme ich mir nun etwas Zeit und eine bis fünf große Tassen Kaffee und schreibe mal drauf los, wer ich im Alltag eigentlich bin und wo ich arbeite… 

Wie die Überschrift bereits erahnen lässt: Ich bin eine Marktfrau. D.h. ich arbeite seit ca. 6 Jahren auf Wochenmärkten für einen Bio Bauern, den Heinz nämlich. Dem Heinz gehört der BioHof Bursch, ein Demeter Hof, der mitten im schönen Rheinland liegt. Heinz ist vor allem für seinen ausgezeichneten Spargel, seine aromatischen Kartoffel und seine himmlischen Erdbeeren bekannt. Zu der illusteren Runde gesellt sich dann noch ein kunterbunter Haufen verschiedenster  Tomatensorten, #DieGöttlichen (Berner Rosen, Ochsenherzen, bunte Cherry Tomaten, AromaTomaten, klassische Strauchtomaten…).

Neben diesem Hauptprodukten bauen „wir“ allerdings noch etliches mehr an. Kräuter, Rübstiel, Pakchoi, Kohl, Zucchini, Mairübchen, Paprika, Blumenkohl, Rhabarber, Kürbisse, Zuckermais…Egal, was gerade Saison hat, zu 90% kann man davon ausgehen: Wir haben es im Sortiment und wir haben es aus eigener Ernte. Nur Bananen, die können wir bisher noch nicht aus eigener Ernte anbieten.

Der Heinz ist wirklich ein guter und innovativer Chef (wir bauen zum Beispiel Physalis und Himbeeren an). tatsächlich ist es auf dem BioHof Gang und Gebe, dass wir uns aller untereinander Duzen, die Atmosphäre ist generell sehr familiär und harmonisch, was für mich keine Selbstverständlichkeit darstellt, da der BioHof Bursch mittlerweile ein recht großer Betrieb mit dreistelliger Mitarbeiter Zahl ist. Um so schöner, dass er es schafft, die Atmosphäre einer charmant chaotischen Groß Familie zu erhalten. Wobei…eigentlich schaffen das eher wir Marktleute, die wir da draußen ja tagtäglich unsere Arbeit, weitestgehend selbstständig, organisieren. Doch trotzdem, auch wenn der Heinz nicht auf den Wochenmärkten präsent ist (denn das wäre bei ca. 16 Wochenmärkten schwierig zu organisieren), er gibt die Regeln vor. Er hält den Laden Bursch am Laufen. Ein verantwortungsvoller Job. Der große Heinz…Auch visuell, sehr passend.

Ein paar Mal im Jahr schmeißt er dann eine Party. Dann kommen wir alle auf dem Hof zusammen. Wir grillen und chillen bei erstaunlich gut ausgesuchter Musik. Wir lassen es uns so richtig gut gehen. Wir streifen durch die Folientunnel. Wir bedienen uns am Detailverliebt hergerichteten (vegetarisch/veganen)Buffet. Ein kleines Gespräch hier, ein paar liebevolle Umarmungen da. Es wird viel gelacht. Man gerät ins philosophieren. Leider schafft man es an solchen Tagen nie jedem Anwesenden die Aufmerksamkeit zu schenken, die man gerne schenken würde. Abends holt dann manchmal Einer die Gitarre hervor und dann wird es rund um das knisternde Lagerfeuer, mit einem Glas Wein oder Schorle in der Hand sogar richtig romantisch. Klingt ein bisschen Märchenhaft? Ist es auch. Ich habe ursprünglich soziale Arbeit studiert und es gibt selbst nach all den Jahren auf dem BioHof immer noch Momente in denen mir das alles irgendwie surreal vorkommt. Die Arbeit auf dem BioHof. Es ist mein kleiner Traum. Die Harmonie und die Herzlichkeit sind wirklich einzigartig.

Hinter einem Marktstand zu stehen, mit den Kunden zu schnacken, dabei umringt zu sein von all den herrlich Duftenden Waren. Ich liebe es und bin ich immer wieder dankbar dafür, einen Job zu haben den ich gerne mache. Natürlich hat der Job auch seine Schattenseiten. Es gibt schöneres als jeden Morgen zwischen drei und fünf Uhr aufzustehen und in die Welt hinaus zu eilen, wobei ich die Morgen-Rhe mittlerweile doch sehr zu schätzen weiß… Entgegen mancher Meinungen. Als Verkäuferin zu arbeiten beinhaltet nicht bloß schnödes verkaufen. Der Stand muss erst einmal aufgebaut werden, bevor überhaupt irgendetwas verkauft werden kann. D.h. Der Stand muss aufgeklappt und Standfest verzurrt werden. Tische müssen ausgefahren, Stromkabel müssen verlegt werden. Rollis voller Ware müssen abgeladen und Kilo-weise Obst und Gemüse muss auf den Tisch verfrachtet werden. Die Nachräum-Ware muss separat zusammen gepackt werden. Allein ein Kiste Möhren wiegt einige Kilo. Man packt sich die Ware Kistenweise und drapiert sie möglichst ansehnlich, dabei möglichst viel von einer Sorte auf der Theke. Der Aufbau nimmt ca. Eine Stunde in Anspruch. Danach steht man dann meist in einem Chaos aus grünen Klappkisten und Papierkartons. Manchmal sind wir nach dem Aufbau nassgeschwitzt wie Rocky. Im Winter ist das toll, besonders wenn draußen Minus Grade herrschen. Da friert man nicht mehr. Im Sommer, wenn 30°C + herrschen hingegen… In mitten dieses Aufbau Chaos kommen dann meist auch schon die ersten Kunden, denn es gibt immer Kunden, die vor der Arbeit noch schnell einkaufen möchten oder die den späteren Massenandrang entfliehen wollen. Für uns ist das ok. Wir verstehen das auch aber, wenn man da so nassgeschwitzt und mit trockenem Mund steht, der Puls rast und die eigene Hütte noch halb im Chaos versinkt, da fällt es manchmal schwer die ersten Kunden mit einem strahlenden Lächeln zu empfangen. (Besonders, wenn Einer mit so qualifizierten Sätzen wie „Oh, kostet das heute alles nichts“, noch vor offiziellem Marktbeginn an den Stand heran tritt, weil die Ware noch nicht ausgezeichnet ist.) Zu Hause hat man das Buffet ja auch gerne vollständig hergerichtet, bevor die ersten Gäste kommen. Zumal auf die ersten Gäste ja meist auch direkt die nächsten Gäste folgen.

Meist arbeiten wir zu dritt oder zu viert hinter dem Stand. Wir versuchen es morgens hinzubekommen, dass jeder nach dem Aufbau seine fünf Minuten Regenerations- Pause bekommt. Das klappt meist auch ganz gut. Man braucht diese fünf Minuten einfach, denn sobald man hinter den Stand zurückkehrt steht man bis zum Ende des Marktes unter Strom. Den Kunden im Blick haben, mit ihm kommunizieren, sich dabei auf das eintippen der richtigen PLU Nummern konzentrieren (das sind Gott sei dank fast immer dieselben, die hat man nach ner Zeit drin) kassieren, Ware nachräumen, Taschen voller Obst und Gemüse durch die Gegend tragen und all das Stundenlang und im Akkord. Manchmal schafft man es bis mittags nicht mal zur Toilette zu gehen, geschweige denn in sein Brötchen zu beißen. Gerade auf den Samstags Märkten habe ich gegen Ende des Marktes einen richtigen Drehwurm im Kopf…und ich liebe es. All das!

Es ist anstrengend. Es ist herausfordernd und Ganzheitlich. Körper, Geist und Seele, als Marktfrau/Mann wird alles gefordert. Dann ist da noch das Team. Wir kennen uns. Wir mögen uns sehr. Wir sind ein Kunterbunter Haufen und wir kommen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Pädagogen, Künstler, Jura Stundenten, Weltenbummler und Glücksbeauftragte. Unser Mitarbeiter Sortiment ist genau so bunt wie unser Warenangebot. Manchmal unternehmen wir auch privat Dinge miteinander. Wir wandern durch die Eifel. Wir feiern Geburtstage. Ab und an gönnen wir uns einen Film voller tanzender, halb nackter Männer und ne Packung Popcorn und manchmal lädt sogar einer zur Diashow mit anschließendem Drei Gänge Menü…

Wir sorgen füreinander. Wir sind Freunde und Kollegen. Und so arbeiten wir auch. Wir schaffen die Arbeit gemeinsam.

Ich liebe besonders die Tage an denen wir Hand in Hand, mit viel Herz und noch mehr Humor zu hundert Prozent in die Tat umsetzen können. Dann entsteht ein richtiges Flow Gefühl. Man vergisst die Zeit. Der Kunde merkt das. An solchen Tagen herrscht einträchtige Harmonie, vor und hinter unserem Stand. Wir sind gut drauf. Der Kunde ist gut drauf. Alle sind zufrieden. Der Kunde sieht, dass wir unser Bestes geben und wartet geduldig bis er an der Reihe ist. Es läuft wie am Schnürchen. Das tut es nie aber… Ein bisschen Chaos verleiht der ganze Sache ja erst den richtigen Charme.

Die meisten Kunden sind Stamm-Kunden. Man kennt sich. Man mag sich. Man kommt nicht mehr bloß um seinen Einkauf zu tätigen sondern man interessiert sich füreinander. Man begleitet sich, sieht Kinder heranwachsen. Manch einer weiß einfach eine gute Bedienung zu schätzen. Ja, man lacht und manchmal weint man auch zusammen…Arbeit mit Menschen. Soziale Arbeit. Nichts anderes bedeutet es eine Marktfrau zu. Man arbeitet mit Menschen, für Menschen und man redet, redet, redet. Buntes Markttreiben.

Privat mag ich es dagegen eher ruhig.  Einer meine Arbeitskollegin hat letztens noch ganz ungläubig den Kopf geschüttelt und gelacht, als ich sagte ich würde mich eher zu den introvertierten Typen zählen… Auf der Arbeit bin ich es vielleicht nicht. Privat meistens schon. Ich mag es dem noch so griesgrämigsten Kunden zu unterhalten und ihm ein Lächeln abzuringen. Ich mag es, dass wir den Kunden mehr bieten können, als bloßes abkassieren. Ich mag es, dass wir uns in die Augen sehen, wenn wir uns einen guten Morgen oder einen schönen Tag wünschen.

Nach dem Markt geht der Marktschalter allerdings aus. Ich gehe gerne spazieren. Schlafen würde ich definitiv zu einem meiner liebsten Hobbys zählen. Ich schreibe. Ich fotografiere ab und zu. Manchmal sammle ich Wildkräuter. Ganz ruhig. Gerne auch allein. Ich wusele in der Küche herum. Ich mag es Dinge entstehen zu lassen… All das entspannt mich. Shoppen mag ich hingegen nur selten, dann aber sehr gern. Ab und an muss das schon sein. Ich versuche so oft wie möglich meine Mama zu besuchen und sie regelmäßig anzurufen. Geboren wurde ich unter dem Mond von Wanne Eickel, im Herzen des Ruhrgebiets. Ich habe zwei jüngere Brüder, Jens und Jan, die ich leider viel zu selten sehe. Veranstaltungen bei denen es zu Massenaufläufen kommt meide ich in meiner persönlich eher. Den Fernseher (den ich mir nach einem Jahr Abstinenz gerade neu gekauft habe) nutze ich häufiger zum Satelliten Radio hören, als zum fernsehen. Ich switche da gern zwischen Jazz, Rockantenne, House und Pop hin und her. Gegen einen guten Film oder eine spannende Serie habe ich hingegen nichts einzuwenden. Ich stehe auf (Film)zitate, was mir manchmal peinlich ist. Ich weiß einen guten Small Talk, genau so zu schätzen, wie ein langes, intensives Gespräch. Für mich gibt es so etwas wie Small Talk nicht. Ein „gutes“ Gespräch ist immer das, was man daraus macht und besteht nie nur aus gesprochenen Worten…

Ich brauche die ruhigen Zeiten, um meine Akkus wieder aufzuladen. Eine Zeit lang habe ich fünf Tage die Woche auf dem Wochenmarkt gearbeitet. Mittlerweile habe ich einen Tag abgegeben. Trotz aller Liebe und Leidenschaft: Die Arbeit IST anstrengend. Bei fünf Tagen ging mir die Freude an der Sache komplett abhanden. Ich war dauerhaft müde und hatte das Gefühl, das mein Leben nur noch aus schlafen, essen und arbeiten besteht. Rückblickend, eine gruselige Zeit, in der ich einige Tränen verdrückt habe. Doch das liegt ja nun Gott sei dank in der Vergangenheit und da soll es auch bleiben. Doch, daraus gelernt habe ich schon. Man muss auf sich achten. Geld ist tatsächlich nicht alles. Nun blühe ich wieder vollkommen auf, sobald ich hinter dem Marktstand stehe, fühle mich beschwingt und voller Liebe und nun habe ich sogar noch die Energie um nebenbei zu bloggen. Ganz frei und kreativ. Ganz ohne Chef oder vorgeschriebene Arbeitszeiten. Gemeinsam mit einigen ganz wundervollen Menschen.

Ein schönes Gefühl!

Jenny

100g Liebe + 2 Esslöffel Humor.

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