Rohvas Bird.

Essen ist Liebe.

Essen ist ein Grundbedürfnis. Doch es stillt nicht bloß unseren Hunger. Es bringt uns an einen Tisch. Es verbindet uns. Gemeinsame Gespräche werden geführt, manchmal bis tief in die Nacht hinein. Entscheidungen werden getroffen. Es wird herzhaft gelacht, getrunken, neue Ideen entspinnen sich zwischen drei Gängen und Espresso danach. Manchmal wird leise geweint oder hartnäckig, in das Rotweinglas starrend, geschwiegen. Oft genießt man mit rot glühenden Wangen das trubelige Geschehen, während man ein andermal vielleicht lieber, ganz für sich allein in der Küche steht, den Löffel im Takt der Musik schwingt, sich an den Klängen zischender Töpfe, still erwärmt, sich summend im Schneiden verliert. Der Duft der Küche, beruhigend, still, manchmal auch schrill. Vielfältig. So, wie das Leben. So, wie die Liebe. Kochen ist Liebe.

 Und nun, da ich es formuliert habe stelle ich erstaunt fest, dass es sich mit meiner Arbeit auf dem Wochenmarkt und dem Schreiben genauso verhält. Ich versinke darin. Ich verliere die Zeit. Ich bin glücklich. Das ist es, wonach ich so lange gesucht habe. Hier versuche ich diese drei, für mich so wichtigen Lebensbereiche miteinander zu verbinden.

Vor sechs Jahren, als meine letzte Beziehung so dramatisch zerbrach wie sie begonnen hatte, da hatte ich plötzlich nichts mehr, das mich von mir selbst ablenkte und so dachte ich plötzlich, während ich in einem letzten dramatischen Akt, unser gemeinsames Bett in seine Einzelteile zerlegte, ich versuche jetzt zur Abwechslung mal das Glück in mir selbst zu finden, statt es dauernd im Außen zu suchen. Wo ist die Liebe in mir? Was kann ich denn eigentlich? Was will ich? Wie schaffe ich es das Ding im Spiegel wieder in eine lächelnde, zufriedene Frau zu verwandeln? All das künstlich geschaffene Leiden und der maßlose Konsum. All die Betäubungen. Schluss damit! Es muss einen anderen Weg geben. Glück. Ja, es ist verführerisch, die Verantwortung für das eigene Glück an etwas oder jemand anderen zu übertragen, sich abzulenken. Man muss dann halt nur die die kurze Halbwertszeit solch einer Art von Glück mit einberechnen. Aber was ist schon sicher im Leben…

 Hallo, ich bin Jennifer. Ich lebe gefährlich, denn ich esse keine Tiere und ich habe mich trotz Studium für einen schlecht bezahlten Job als Verkäuferin, hinter einem Marktstand entschieden.

Geboren unter dem staubig glänzenden Mond von Wanne Eickel, aufgewachsen in Bochum Wattenscheid, mit dem Ball am Fuß und Astrid Lindgren an der Hand, führe ich bereits seit der Grundschule Tagebuch über meine kleinen und Großen Momente des Alltags und seit ungefähr genau so langer Zeit koche ich auch. Angefangen hat es damals in Ommas Kohlen Küche. Wobei Kochen, in dem Zusammenhang wohl ein sehr dehnbarer Begriff ist… Vor ein paar Jahren verzog sich das Schreiben leider zunehmend in die hinterste Ecke des Alltags und staubte dort selig vor sich hin. Schließlich hab ich den Staubwedel gezückt und auch mal ordentlich durchgewischt.

Seit sechs Jahren arbeite ich nun schon als Marktfrau aus Leidenschaft, für den BioHof Bursch. Marktfrau zu sein, das bedeutet, meine wundervollen biologischen Freunde und ich, wir stehen zu den unmöglichsten Uhrzeiten auf, um anschließend bei Wind und Wetter einen Marktstand aufzubauen, um ökologisch korrekt angebautes Obst und Gemüse unter das gemeine Volk zu bringen. Man trifft uns Alaaf! schreiend, auf Wochenmärkten im bunten Rheinland, wobei ich persönlich konsequent, heimlich Helaaf! flüstere, denn da wo ich wech komm, da sacht man Helau! Kultur is Kultur. Punkt. Dat steckt inne Gene und da soll et auch bleiben auch, wenn eine gewisse Kompromissbereitschaft vorhanden ist…Die traurige Wahrheit ist, das mittlerweile ja keine Sau mehr raus hört, dass ich aus dem Ruhrgebiet komme. Ich kann das gar nicht mehr richtig. Dafür höre ich es nun um so mehr bei Familie, Bekannten und Touristen heraus, was irgendwie befremdlich ist aber gleichzeitig ein herrlich heimeliges Gefühl bei mir auslöst…Ach, ja, schon wieder vom Thema abgedriftet. Von Hölzgen auf Stöcksgen, darüber habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Jedenfalls,

sind wir mittlerweile relativ breit aufgestellt, mit unseren Dreizehn verschiedenen Standorten, wobei wir manche Märkte auch mehrmals die Woche anfahren.

Eine wundersame Reise hat begonnen seit ich auf dem BioHof angefangen habe. Es war eine Herzens Entscheidung. Spannend, schmerzhaft, heiter, voller verrückter Menschen und Erlebnisse verliefen die Tage bisher. Einiges hab ich verloren, zurückgelassen, entsorgt. Doch wie viel habe ich gewonnen. Plötzlich mag man mich, ohne, dass ich etwas dafür tun muss. Meine neue Arbeit fällt mir leicht, obwohl sie mich so häufig an meine körperlichen und geistigen Grenzen bringt. Ich will arbeiten. Ich darf mich entspannen. Ich darf Spaß haben.  Ach, herrje. Werd ich jetzt etwa  fröhlich? Ich schreibe wieder. Niemand muss sich für sich selbst rechtfertigen. Natürlich passiert es nicht plötzlich, auf einmal. Das Leben lernt sich nie aus. Und trotzdem werde ich gefragt warum ich so manchmal so seltsam, grundlos vor mich hin grinsen würde und in solch heiteren Tone spräche, wo ich doch so wenig an beinahe nichts  hätte.  Ach, ich kenne da ein paar  Menschen, die erheitern mich ja so grundlos. Die umarme  ich ungefragt, weil ich das darf und, weil die mich ja ebenso grundlos umarmen. Und malen können die. Sie zeichnen mir sogar ab und an Wege auf. Neue Wege. Ich hab ja so einen schlechten Orientierungssinn. Ich verlaufe mich ja ständig.  Sie reichen mir schrecklich ungefragt ihre Hand, obwohl sie wissen, dass ich Hilfsangebote gar nicht gern mag. Ja, wie wenig ich doch habe…

Dinge, ja, davon hab ich nicht viele. Nicht mal ein Auto. Nicht mal einen vernünftigen Kleiderschrank. Nur nen Schuhschrank. Nur Frauenschuhe. Ja.  Nicht mal nen Fernseher hab ich.  Und all das, freiwillig! Ja ich besitze nicht viel aber meiner Meinung nach weißt besitzen eh eine kuriose Nähe zu besessen auf. Genau wie immer! zu nie! Die Bücher klatschen derweil Beifall. Die Schaltzentrale steht ebenfalls auf und grüßt, sich verneigend. Danke. Das Denken verändert sich ebenfalls. Ich kann statt, ich könnte nie. was kann ich? Hier geht es lang. Die Jagd nach dem Glück habe ich mittlerweile dran gegeben. Glück ist ein Gefühl. Es kommt und geht. Ich genieße es, wenn es fließt aber es kann nicht dauerhaft fließen. Wir fühlen es in den vielen kleinen und großen Momenten, die wir Tag täglich erleben. Ein Kuss, ein Gruß, ein Lächeln, der Dankbaren Omi über die Straße helfen, eine lustig aussehende Tomate, der fertig gestellte Text, die lang ersehnte Reise… Glück findet sich in vielen Dingen, doch es ist nie von Dauer. Wir können es nicht festhalten. Zufriedenheit und Dankbarkeit hingegen sind eine Frage der Einstellung. Es sind Fähigkeiten, die man erlernen kann. Man kann sie täglich üben. Ich übe sie täglich. Es tut mir gut. Tatsächlich häufen sich die Glücksmomente seit dem…

Ja, ich habe einen Vogel und ich mag ihn sehr.

Viele sagen, es sei verrückt man müsse doch mehr wollen und trotzdem…höre ich ihnen weiterhin zu, den anderen vermeintlich Verrückten. Von denen lerne ich über die sich unaufhörlich drehenden Tellerränder hinaus zu blicken. Ich laufe dem Hunger nicht mehr hinterher. Ich stille ihn. Wir, die Verrückten  sogar hier finden wir uns, hören einander wohlwollend und staunend zu. Wir, die wir so gern die Zeit um uns herum vergessen. Wir, die wir uns jedes Mal ein Stück unserer Herzblutenden Seele raus reißen, um sie der Welt anschließend genussvoll, zitternd zum Fraß vorzuwerfen. Wir kennen die Angst, der wir folgen,  die uns Worte aussprechen lässt, weil diese eh nicht eher Ruhe geben bis sie gesagt wurden. Das Herz pocht so unendlich viel lauter als jede Angst.  Deshalb schreiten wir voran. Das hat nichts Heldenhaftes. Wir sind bloß verrückt.  Einst, da war es einer jener Verrückten, der etwas in mir berührte sogar tief in mir berührte. Etwas an das ich jedes Mal denke, bevor ich einen Knopf drücke, bevor ich mich durch die Dunkelheit stehle, um an meinen Marktstand zu eilen. Etwas, das mich dazu bewegt zum Hörer zu greifen und zum x.ten Mal meine Mutter anzurufen, die mich nie von sich aus anruft. Er, der Verrückte, der in einem kalten Keller gemütlich hauste und, der jeden Monat einen Großteil seines Gehaltes großzügig an Obdachlose verteilte. Er, der freiwillig alles von sich gab und trotzdem so unendlich viel zufriedener und glücklicher schien als ich. Er hat mir eine Möglichkeit aufgezeigt. Er zeigt sie uns allen.

Ihm höre ich gebannt zu. Euch nicht.

Der kleine Vogel sagt

Komm, flieg mit mir.

Hoch oben,

Ganz nah, am Himmel.

Jetzt.

jennyMarkt

Bildquelle: Kerstin Wolf

7 Kommentare zu “Rohvas Bird.”

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